Wynd Kaufmyn hat am 14. August 2026, ihrem 69. Geburtstag, in San Francisco eine 14-tägige Haftstrafe angetreten. Unterstützer und Medien wie der Guardian beschreiben die pensionierte Ingenieurs-Professorin als erste KI-Demonstrantin, die für ihren Protest gegen ein KI-Unternehmen ins Gefängnis muss. Verurteilt wurde sie, weil sie im Februar 2025 mit vier Mitstreitern den Eingang der OpenAI-Büros zugekettet hatte.
Vor dem Haftantritt richtete Kaufmyn eine Botschaft an die Führungen von OpenAI, Anthropic und Meta. Sie lautete „Regain your humanity“, auf Deutsch etwa „Findet eure Menschlichkeit wieder“. Die Aufforderung griffen internationale Medien von der indischen NDTV bis zur griechischen LiFO auf.
Blockade mit Kette und Vorhängeschloss am OpenAI-Eingang
Am 22. Februar 2025 ketteten Kaufmyn und vier weitere Mitglieder der Gruppe Stop AI die Eingangstür der OpenAI-Büros an der Third Street in San Francisco mit einer Kette und einem großen Vorhängeschloss zu und setzten sich davor. Mitarbeiter wählten den Notruf. Die Polizei bot den Aktivisten an, ihren Protest auf dem öffentlichen Gehweg fortzusetzen. Sie lehnten ab, Beamte durchtrennten die Ketten und zeigten die Gruppe an, wie der Lokalsender CBS San Francisco berichtete.
Stop AI fordert ein internationales Verbot der Entwicklung von AGI (Artificial General Intelligence) und Superintelligenz. Die Blockade fand im Rahmen eines „Justice for Suchir“-Protests statt. Neben den Risiken der Technologie forderte die Gruppe Aufklärung im Fall des verstorbenen OpenAI-Whistleblowers Suchir Balaji, dessen Familie bis heute eine unabhängige Untersuchung fordert.
Prozess mit Notstands-Verteidigung und einer Vorladung für Sam Altman
Im Juni 2026 sprach eine Geschworenenjury am San Francisco Superior Court Kaufmyn in vier Vergehens-Punkten schuldig, darunter Hausfriedensbruch, unerlaubte Versammlung, Behinderung des Geschäftsbetriebs und das Nichtbefolgen einer polizeilichen Auflösungsanordnung. Den Punkt der Geschäftsbehinderung verwarf Richter Michael Begert später mit Verweis auf die Meinungsfreiheit des First Amendment, wie das Lokalmagazin Gazetteer SF berichtete. Es war der erste Strafprozess dieser Art gegen eine KI-Aktivistin in San Francisco.
Kaufmyn lehnte alle Deals der Staatsanwaltschaft ab. Ihre Verteidigerin Rose Mishaan von der öffentlichen Pflichtverteidigung setzte auf die sogenannte Necessity Defense. Als Gutachter der Verteidigung sagte der Berkeley-Informatikprofessor Stuart Russell aus, Mitautor des weltweit meistgenutzten KI-Lehrbuchs „Artificial Intelligence: A Modern Approach“. Er verglich das Tempo der KI-Entwicklung vor Gericht mit der Titanic, die auf einen Eisberg zusteuert. Die Geschworenen folgten dem Argument nicht.
Was ist die Necessity Defense?
Die Necessity Defense ist ein Notstandsargument im US-Recht. Wer sie geltend macht, räumt den Rechtsbruch ein, hält ihn aber für gerechtfertigt, weil er einen unmittelbar drohenden, größeren Schaden abwenden sollte. Klimaaktivisten haben die Strategie in den USA mehrfach versucht, meist ohne Erfolg. Im Fall Kaufmyn durfte die Verteidigung den Notstand vor der Jury vortragen, die Geschworenen verwarfen ihn nach Anhörung der Sachverständigen.
Schon vor Prozessbeginn machte die Verteidigung Schlagzeilen, als ein Ermittler der Pflichtverteidigung OpenAI-Chef Sam Altman im November 2025 eine Zeugenvorladung zustellte, live auf einer Bühne während eines öffentlichen Auftritts mit Basketball-Trainer Steve Kerr, nachdem Zustellversuche bei OpenAI gescheitert waren. Altmans Anwälte erwirkten im Dezember 2025 die Aufhebung der Vorladung, ausgesagt hat er nie.
Das Urteil: 14 Tage Haft, 128 Stunden Arbeit, 20 Yards Abstand
Richter Begert verhängte Ende Juni 2026 eine Haftstrafe von 14 Tagen, von denen Kaufmyn durch die übliche Anrechnung voraussichtlich rund eine Woche absitzen muss. Die Geldauflagen kann sie durch 128 Stunden gemeinnützige Arbeit ablösen. Außerdem muss sie künftig mindestens 20 Yards, also gut 18 Meter, Abstand zur OpenAI-Zentrale halten. Ihre Verteidigerin will diese Auflage anfechten.
Staatsanwältin Brooke Jenkins wertete den Schuldspruch als Signal. Das Urteil weise die Vorstellung zurück, dass Demonstranten die öffentliche Sicherheit als Mittel zum Zweck gefährden dürften, erklärte sie nach dem Prozess. Kaufmyn sieht das anders.
Es sind diese Tech-Chefs, die die öffentliche Sicherheit gefährden. Sobald die Öffentlichkeit das begreift, wird sie erkennen, dass nicht ich diejenige bin, die ins Gefängnis gehört.Wynd Kaufmyn vor ihrem Haftantritt, übersetzt nach The San Francisco Standard
Wer ist Wynd Kaufmyn?
Kaufmyn stammt aus Detroit, zog 1979 für ihr Graduiertenstudium nach Berkeley und unterrichtete jahrzehntelang als Ingenieurs-Professorin am City College of San Francisco. Heute ist sie im Ruhestand, lebt in einer Wohngemeinschaft in der East Bay und arbeitet gelegentlich in einem Secondhand-Laden, wie das Porträt des San Francisco Standard beschreibt.
Zivilen Ungehorsam praktiziert sie seit Jahrzehnten. Sie kletterte bei Anti-Atomwaffen-Protesten über den Zaun des Lawrence Livermore National Laboratory, besetzte bei den Protesten gegen die Contra-Politik der Reagan-Jahre ein Senatorenbüro und erhielt wegen ihres Palästina-Aktivismus ein zehnjähriges Einreiseverbot für Israel. Wie oft sie schon festgenommen wurde, weiß sie nach eigener Aussage nicht genau. Ihr Lebenspartner ist der 46-jährige Guido Reichstadter, den sie beim gemeinsamen Protest kennenlernte.
Den Prozess betrachtete sie nach eigenen Worten als Bühne für die Botschaft der Bewegung. Ihr größter Antrieb sei die Sorge, dass „diese Tech-Milliardäre die Kontrolle übernehmen und einen dystopischen, faschistischen Überwachungsstaat errichten", sagte sie dem San Francisco Standard.
Stop AI, PauseAI, QuitGPT: Der Zustand der Protestbewegung
Die Gruppe, für die Kaufmyn ins Gefängnis geht, ist zum Zeitpunkt ihres Haftantritts weitgehend zerfallen, während die KI-Protestbewegung insgesamt wächst. Stop AI wurde 2024 in der Bay Area gegründet und setzt auf gewaltfreien zivilen Ungehorsam. Mitgründer Sam Kirchner wurde Ende 2025 nach einem internen Gewaltvorwurf ausgeschlossen und verschwand, gegen ihn liegt ein Haftbefehl wegen Nichterscheinens vor Gericht vor. Seit Mai 2026 hat die Gruppe keine eigenen Proteste mehr organisiert, mehrere Mitglieder traten aus.
Reichstadter trat im Herbst 2025 in einen 30-tägigen Hungerstreik vor der Anthropic-Zentrale und forderte ein Treffen mit CEO Dario Amodei, zu dem es bis zum Ende des Streiks nicht kam. Parallel hungerte der frühere KI-Sicherheitsforscher Michaël Trazzi vor dem Londoner Büro von Google DeepMind, er brach nach rund einer Woche auf ärztlichen Rat ab. Breitere Bündnisse mobilisieren inzwischen Hunderte Teilnehmer, neben San Francisco auch in London und Washington. Ein Überblick über die wichtigsten Stationen:
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 22.02.2025 | Fünf Stop-AI-Mitglieder ketten den OpenAI-Eingang in San Francisco zu, darunter Wynd Kaufmyn |
| Sept./Okt. 2025 | Hungerstreiks vor Anthropic (30 Tage, Guido Reichstadter) und Google DeepMind in London (rund eine Woche, Michaël Trazzi) |
| Nov. 2025 | Zeugenvorladung für Sam Altman, live auf offener Bühne zugestellt; im Dezember aufgehoben |
| 28.02.2026 | PauseAI-Marsch in London mit mehr als 300 Teilnehmern, laut Veranstalter der bislang größte KI-Sicherheits-Protest |
| 03.03.2026 | „QuitGPT"-Protest an der OpenAI-Zentrale, getragen von einer Boykott-Kampagne gegen ChatGPT |
| 21.03.2026 | „Stop the AI Race"-Marsch in San Francisco von Anthropic über OpenAI zu xAI |
| 03.06.2026 | Prozessbeginn gegen Kaufmyn am San Francisco Superior Court, Schuldspruch in vier Punkten |
| 11.07.2026 | „Freeze AI on Slushy Day"-Marsch mit mehr als 100 Teilnehmern von OpenAI über Anthropic zum Google-Büro |
| 10.08.2026 | Mehr als 30 Studierende besetzen die Lobby von OpenAIs Lobbybüro in Washington, 13 Festnahmen |
| 14.08.2026 | Kaufmyn tritt ihre Haft in der Hall of Justice in San Francisco an |
Die jüngste Welle trägt andere Motive als die Existenzrisiko-Warnungen von Stop AI. Bei der Besetzung des OpenAI-Lobbybüros in Washington am 10. August 2026 protestierten Gruppen wie das Sunrise Movement, QuitGPT und die Young Democratic Socialists of America gegen Jobverluste und den politischen Einfluss der Tech-Konzerne, auf einem Schild stand „OpenAI Bought My Senator". Für die Sitzungspause des Kongresses im August kündigten die Organisatoren Aktionen in mehr als 20 US-Bundesstaaten an.
Umfragen: Misstrauen gegenüber KI-Firmen wächst
67 Prozent der US-Erwachsenen trauen der Regierung nicht zu, KI wirksam zu regulieren, und 59 Prozent trauen den KI-Firmen keine verantwortungsvolle Entwicklung zu, so eine Befragung des Pew Research Center vom Februar 2026. Eine Bentley-Gallup-Umfrage vom Mai 2026 ergab, dass 79 Prozent der Amerikaner in den nächsten zehn Jahren weniger Jobs durch KI erwarten. Der Anteil derer, die in KI mehr Schaden als Nutzen sehen, stieg binnen eines Jahres von 31 auf 39 Prozent.
Skepsis der US-Bevölkerung gegenüber KI (2026)
Zustimmung von US-Erwachsenen in Prozent, aus zwei Befragungen vom Februar und Mai 2026.
Zahlen als Tabelle
| Aussage | Zustimmung |
|---|---|
| Erwarten weniger Jobs durch KI (Gallup) | 79 % |
| Kein Vertrauen in staatliche KI-Regulierung (Pew) | 67 % |
| Kein Vertrauen in verantwortungsvolle KI-Firmen (Pew) | 59 % |
| KI schadet mehr, als sie nützt (Gallup) | 39 % |
OpenAI warnt vor „gewaltsamer Rhetorik", Anthropic und Meta schweigen
Zum Fall Kaufmyn selbst hat sich OpenAI nicht geäußert, Presseanfragen des Senders KQED blieben unbeantwortet. Ein Sprecher erklärte lediglich im Zusammenhang mit dem verschwundenen Stop-AI-Mitgründer Kirchner gegenüber dem Wall Street Journal, gewaltsame Rhetorik bringe Menschen in Gefahr und erschwere den notwendigen Dialog in diesem Moment. Von Anthropic und Meta sind keine Stellungnahmen zu dem Fall oder zu den Protesten vor ihren Büros dokumentiert.
Kaufmyn wird voraussichtlich nach rund einer Woche entlassen. Das Verfahren gegen ihren Partner Reichstadter läuft weiter, es wurde im Mai 2026 abgetrennt, nachdem er wegen einer Protestaktion in Washington einen Gerichtstermin in San Francisco verpasst hatte. Am Abend vor ihrem Haftantritt feierte Kaufmyn bei einem Abendessen mit Freunden in Oakland ihren Geburtstag.