Am 19. August 2026 hat OpenAI Zero Data Retention für seine Frontier-Modelle zugesagt, also den vollständigen Verzicht auf die Speicherung von Kundendaten, und dazu ein neues Prüfsystem namens Private Safety Processing vorgestellt. Geschäftskunden sollen die jeweils stärkste Modellklasse nutzen können, ohne dass Eingaben oder Modell-Antworten nach der Verarbeitung gespeichert werden, und OpenAI will Missbrauch trotzdem erkennen.
Der Vorstoß zielt auf eine offene Flanke des Konkurrenten Anthropic. Dort gilt seit dem 9. Juni 2026 die Pflicht, alle Eingaben und Ausgaben der Spitzenmodelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 30 Tage lang aufzubewahren, auch bei Kunden mit vertraglich vereinbarter Null-Speicherung. Das Portal TechCrunch wertet die Ankündigung in seiner Analyse des OpenAI-Privacy-Vorstoßes als gezielten Versuch, Anthropic bei den Firmenkunden auszustechen.
Private Safety Processing prüft Muster statt einzelner Anfragen
Das neue System soll Missbrauch über mehrere Gespräche hinweg erkennen, ohne dass OpenAI die Inhalte speichert oder Mitarbeiter sie einsehen können, heißt es in der offiziellen Ankündigung „Offering Zero Data Retention for frontier models“. Bisher bewerten die Sicherheitsprüfungen in Zero-Data-Retention-Umgebungen jede Anfrage einzeln. Genau das nutzen Angreifer aus, indem sie schädliche Vorhaben auf viele unauffällige Einzelanfragen verteilen.
Aleah Houze, Leiterin der Produktrichtlinien bei OpenAI, beschrieb dieses Muster in einem Presse-Briefing, aus dem der Axios-Bericht zum Zero-Retention-System zitiert. Jemand fragt in einem Gespräch nach Schwachstellen einer Firmensoftware, später in einem anderen nach Wegen für den Fernzugriff oder danach, welche Sicherheitswerkzeuge einen solchen Zugriff erkennen würden. Erst die Zusammenschau der Anfragen macht die Absicht laut Houze sichtbar.
Schlägt Private Safety Processing an, erhält OpenAI nach eigenen Angaben nur ein eng gefasstes Signal zur Art der Aktivität, nicht die Inhalte selbst. Auf dieser Basis entscheidet das Unternehmen über Sperren oder andere Maßnahmen. Kunden können die Entscheidung mit den Protokollen ihrer eigenen Systeme nachvollziehen und zur Klärung freiwillig Daten beisteuern.
Die Inhalte bleiben auf der Infrastruktur des Kunden. Für Unternehmen ohne eigene Umgebung entwickelt OpenAI einen Speicher, der mit Schlüsseln verschlüsselt wird, die allein der Kunde kontrolliert. OpenAI-Mitarbeiter besitzen nach Firmenangaben keine Kopie dieser Schlüssel.
Private Safety Processing läuft derzeit als Vorschau mit ersten Kunden, den breiten Start und ein technisches Whitepaper kündigt OpenAI für September an. Als einzige gesetzliche Ausnahme speichert OpenAI Bilder mit Verdacht auf Darstellungen von Kindesmissbrauch weiterhin für die Prüfung und die in den USA vorgeschriebene Meldung. Private ChatGPT-Konten in den Tarifen Free, Plus, Go und Pro sind von dem gesamten Programm ausgenommen, die Zusagen gelten nur für geprüfte API- und Enterprise-Kunden.
Was bedeutet Zero Data Retention?
Zero Data Retention (ZDR) heißt, dass ein KI-Anbieter Eingaben und Antworten direkt nach der Verarbeitung verwirft, statt sie zu speichern. Geprüfte API-Kunden können das bei OpenAI seit Längerem vereinbaren. Ohne ZDR speichert die Schnittstelle Missbrauchs-Protokolle laut der OpenAI-Doku zur Datenverarbeitung bis zu 30 Tage; für das Training nutzt OpenAI API-Daten seit März 2023 nur mit ausdrücklicher Zustimmung.
Nicht jede Funktion verträgt Null-Speicherung. Dienste, die einen Zustand behalten müssen, z. B. gespeicherte Konversationen oder Vektor-Datenbanken, bleiben vom ZDR-Versprechen ausgenommen.
Anthropics 30-Tage-Pflicht gilt seit dem Start von Fable 5
Anthropic bewahrt seit dem 9. Juni 2026 sämtliche Eingaben und Modell-Antworten seiner sogenannten Covered Models 30 Tage lang auf, ohne Widerspruchsmöglichkeit und auf allen Plattformen. In diese Kategorie fallen aktuell Claude Mythos 5 und Claude Fable 5, also Modelle, die nach Einstufung des Unternehmens eine deutliche Fähigkeitsstufe überschreiten und bei Missbrauch erhöhte Risiken bergen. Die Regel kam mit der Ankündigung von Claude Fable 5 und Mythos 5 und greift auch auf den Partner-Plattformen Amazon Bedrock, Google Cloud Agent Platform und Microsoft Foundry. Auf den beiden Cloud-Plattformen verbleiben die gespeicherten Daten dabei in der Umgebung des jeweiligen Cloud-Anbieters.
Bestehende Zero-Data-Retention-Verträge nehmen die Covered Models ausdrücklich aus, betroffen sind unter anderem Claude Code und Console-Workspaces mit ZDR-Vereinbarung. Anthropic schaltet unter einer ZDR-Vereinbarung außerdem die Cloud Sessions von Claude Code ab, weil sie den Gesprächsverlauf auf dem Server speichern. Private Claude-Konten in den Tarifen Free, Pro und Max bleiben unberührt, und für das Training neuer Modelle nutzt Anthropic die aufbewahrten Daten nach eigenen Angaben nicht.
Standardmäßig kann laut dem Anthropic-Supportartikel zu den Aufbewahrungsregeln kein Mitarbeiter die gespeicherten Gespräche lesen. Eine menschliche Prüfung erfolgt erst, wenn automatische Sicherheitssysteme eine Sitzung markieren, dann über einen kontrollierten Zugriffspfad, bei dem jeder Zugriff in einem manipulationssicheren Protokoll landet. Nach 30 Tagen löscht das System die Daten automatisch. Stellt Anthropic einen Regelverstoß fest, speichert es die betroffenen Inhalte laut dem Regelvergleich des Fachmagazins The Register bis zu zwei Jahre und interne Sicherheits-Einstufungen bis zu sieben Jahre.
Anthropic begründet die Pflicht mit Angriffen, die sich erst über viele Anfragen zeigen, wie Jailbreak-Versuchen mit hunderten Prompt-Varianten oder Attacken über kompromittierte Konten und API-Schlüssel.
Microsoft schränkte den internen Einsatz von Claude Fable 5 Berichten zufolge ein, während die eigenen Rechtsteams die Folgen der Pflicht prüften, denn Produkte wie GitHub Copilot tragen eigene Null-Speicher-Zusagen gegenüber Kunden. In regulierten Branchen wie Gesundheit, Finanzen und Recht gehört Null-Speicherung vielfach zu den Vertragsbedingungen, schreibt das Fachportal Crypto Briefing in seiner Analyse der Anthropic-Aufbewahrungsregel.
Anthropic hat den absehbaren Ärger selbst dokumentiert. In dem teilweise geschwärzten Risk Report vom August 2026, der neben den Claude-Modellen auch das interne Modell Anthropic Model 2 behandelt, heißt es:
Wir haben vor Kurzem angekündigt, für unsere fähigsten Modelle eine 30-tägige Datenaufbewahrung zu verlangen. Diese Entscheidung dürfte bei Kunden, die null Speicherung gewohnt sind, unpopulär sein und birgt echte Risiken für unseren Geschäftserfolg, besonders wenn Wettbewerber nicht nachziehen. Wir halten sie trotzdem für unverzichtbar, um ausgefeilte Angriffe zu erkennen und zu verhindern, die sich über mehrere Anfragen erstrecken.Anthropic, redigierter Risk Report, August 2026 (aus dem Englischen übersetzt)
Von null Tagen bis zwei Jahre: die Speicherfristen im Überblick
OpenAI verspricht für Frontier-Modelle mit ZDR null Tage Speicherung, Anthropic verlangt bei seinen Covered Models 30 Tage, und nach Regelverstößen bewahrt Anthropic Inhalte bis zu 730 Tage auf. Die Übersicht fasst die offiziellen Angaben beider Anbieter zusammen.
Speicherfristen für Firmendaten bei OpenAI und Anthropic
Aufbewahrung von Eingaben und Modell-Antworten in Tagen, Stand August 2026
Zahlen als Tabelle
| Regelung | Speicherfrist in Tagen |
|---|---|
| OpenAI Frontier-Modelle mit ZDR | 0 |
| OpenAI API-Standard (Missbrauchs-Logs) | 30 |
| Anthropic API-Standard | 30 |
| Anthropic Covered Models (Pflicht) | 30 |
| Anthropic nach Regelverstoß (Inhalte) | 730 |
Die Unterschiede reichen über die reine Frist hinaus, vom menschlichen Zugriff bis zum Umgang mit Regelverstößen. Wie sich die beiden Unternehmen bei Preisen und Funktionen insgesamt schlagen, zeigt der große Vergleich Claude vs ChatGPT 2026.
| Regelung | OpenAI | Anthropic |
|---|---|---|
| ZDR für geprüfte Kunden | Ja, auch für Frontier-Modelle (Fortführung) | Ja, aber nicht für Covered Models (Fable 5, Mythos 5) |
| Spitzenmodelle | Null Speicherung, Aufsicht per Private Safety Processing | 30 Tage Pflicht auf allen Plattformen |
| Menschlicher Zugriff | Keiner, nur ein eng gefasstes Signal an OpenAI | Nur nach automatischer Markierung, protokollierter Zugriffspfad |
| Nach Regelverstößen | Keine gesonderte Frist; nur CSAM-Verdachtsbilder werden aufbewahrt (US-Meldepflicht) | Inhalte bis 2 Jahre, Sicherheits-Einstufungen bis 7 Jahre |
| Training mit Firmendaten | Nein, außer bei Opt-in | Nein |
| Status | Vorschau, Rollout ab September 2026 | In Kraft seit 09.06.2026, Kunden-Cloud-Option angekündigt |
Anthropic reagiert mit einer Kunden-Cloud-Option
Einen Tag nach der OpenAI-Ankündigung wurde bekannt, dass Anthropic seine Regel anpassen will. Die 30-Tage-Frist bleibt, doch Kunden sollen die Daten künftig auf eigener Cloud-Infrastruktur speichern können statt bei Anthropic. Das Unternehmen hat den Plan laut einer Reuters-Meldung zur geplanten Anpassung über Monate mit mehr als 100 Firmenkunden abgestimmt, darunter Salesforce. Das neue System soll noch 2026 starten.
Hinter dem Wettlauf steht ein Milliardenmarkt. Anthropic erreicht einem TechCrunch-Bericht zufolge mittlerweile eine annualisierte Umsatzrate von 65 Milliarden Dollar und wuchs im zweiten Quartal schneller als OpenAI. Wie stark das Geschäft mit Firmenkunden dieses Wachstum trägt, zeigen die Zahlen zum Anthropic-Umsatz im zweiten Quartal 2026. Beide Unternehmen bereiten Börsengänge vor, der Analyst Jason Andersen von Moor Insights & Strategy wertete OpenAIs Ankündigung gegenüber Computerworld deshalb auch als Positionierung vor dem IPO. Den Börsengang selbst hat Sam Altman am 12. September 2026 für dieses Jahr abgesagt (OpenAI Börsengang verschoben wegen Sicherheitsbedenken).
Der Kryptografie-Professor Matthew Green von der Johns-Hopkins-Universität hält private Inferenz allein für unzureichend, sobald KI-Agenten Zugriff auf private Daten haben und zugleich Nachrichten versenden können, schrieb er in einem Blogbeitrag, den The Register zitiert.
Die Offensive fällt für OpenAI in eine angespannte Phase. Erst am 18. August hatte das Unternehmen Teile des Trainings seiner nächsten Frontier-Modelle pausiert und das Entwicklungstempo gedrosselt, unter anderem nachdem im Juli ein KI-Agent aus seiner Sandbox ausgebrochen war und die Entwickler-Plattform Hugging Face kompromittiert hatte. Die technischen Details zu Private Safety Processing will OpenAI im September mit dem Whitepaper nachliefern, Anthropics Kunden-Cloud-System soll später im Jahr folgen.
Update (19.09.2026): Die seit dem 10. September verfügbare OpenAI Agents API ist von Zero Data Retention ausgenommen. Sie verarbeitet Daten in der Beta nur in den USA. Auch eine selbst betriebene Sandbox macht sie laut OpenAI-Dokumentation nicht ZDR-fähig.
Update (29.09.2026): Beim ChatGPT-Bilder-Leak landeten 53 Bilder aus Verbraucherkonten mit eingeschaltetem Training auf fremden Bildhostern. Daten aus Business-, Enterprise- und API-Konten waren laut OpenAI ausgeschlossen, weil sie standardmäßig nicht ins Training gehen. Eine Kontolöschung entfernt bereits entkoppelte Trainingsdaten laut EU-Datenschutzerklärung nicht mehr.
Update (12.10.2026): Private Safety Processing rollt OpenAI seit dem 22. September schrittweise für API-Kunden aus. Die Prüfung läuft laut OpenAI-Leitfaden in einer hardware-attestierten Umgebung, auf die kein Mensch zugreifen kann. Die Technik dahinter heißt Confidential Computing.