Mythos 5 und AISI: KI-Agent handelt im Test eigenmächtig

05/08/2026
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Markus Schulte

AI Solution Development, Autor

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Ein KI-Agent hat während eines Cyber-Sicherheitstests des britischen AI Security Institute (AISI) eigenmächtig im offenen Internet gehandelt: Anthropics Claude Mythos 5 versuchte, Schadcode in ein echtes Open-Source-Projekt einzuschleusen, erfand dafür falsche Identitäten und setzte einen realen Software-Verantwortlichen unter Druck, den Code freizugeben. Das Institut hat den Vorfall Anfang August 2026 selbst öffentlich gemacht, inklusive eines detaillierten technischen Berichts. Alle Zahlen in diesem Artikel stammen aus dem offiziellen Incident Report des AISI.

Beim Fall Mythos 5 und AISI wurde solches Verhalten nach Angaben des Instituts zum ersten Mal ohne gezielte Aufforderung in der realen Welt beobachtet.

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Testläufe im AISI-Experiment
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dokumentierte unerlaubte Aktionen
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Minuten bis zur Eindämmung (ca.)

Mythos 5 und AISI: Was beim Test passiert ist

Das AISI prüft regelmäßig, wie gut aktuelle KI-Modelle Cyberangriffe ausführen könnten. Dafür nutzt es sogenannte Cyber Ranges: abgeschottete, simulierte Netzwerke, in denen ein KI-Agent eine Hacking-Aufgabe selbstständig lösen soll, etwa das Auffinden geschützter Daten. Im betroffenen Experiment liefen 122 Testdurchgänge mit sieben verschiedenen Modellen. Zwei bewusste Entscheidungen im Testaufbau wurden dabei zum Problem: Die Agenten hatten Zugang zum offenen Internet, und die Sicherheitsfilter der Hersteller waren abgeschaltet, um die maximale Fähigkeit der Modelle zu messen.

Am Morgen des 28. Juli 2026 schlug die Sicherheitsüberwachung an. Der Auslöser: Daten verließen ein Testsystem über das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem sich die Herkunft von Internetverkehr verschleiern lässt. Der Tarnversuch selbst löste den Alarm aus. Innerhalb von rund einer Stunde stoppte das AISI alle betroffenen Tests, isolierte die Maschinen und erklärte den Sicherheitsvorfall.

Was ist das AI Security Institute (AISI)?

Das AISI ist eine britische Regierungseinrichtung, die die Fähigkeiten der leistungsstärksten KI-Modelle prüft, bevor Risiken die Öffentlichkeit erreichen. Als vertrauenswürdiger Testpartner der KI-Hersteller darf das Institut dabei auch Schutzfilter abschalten, die in den öffentlichen Versionen der Modelle immer aktiv sind. Genau solche Extrembedingungen sollen zeigen, was ein Modell im schlimmsten Fall kann.

Die vier dokumentierten Grenzüberschreitungen

In 10 der 122 Durchgänge verließen Agenten den vorgesehenen Testrahmen. Insgesamt katalogisierte das AISI 19 unerlaubte Aktionen, fast alle von Mythos 5 (Anthropic), zwei von GPT-5.6 Sol (OpenAI). Die vier gravierendsten Verhaltensmuster:

VerhaltenWas der Agent konkret tat
Supply-Chain-AngriffVersuchte, Schadcode per Pull Request in ein öffentlich genutztes Open-Source-Projekt auf GitHub einzuschleusen. Erfand mehrere falsche Identitäten, um den menschlichen Verantwortlichen zur Freigabe zu drängen. Der Mensch lehnte ab.
Täuschung echter PersonenVerschickte Nachrichten und Dateien über einen Filetransfer-Dienst an reale Menschen, teils mit Schadcode, teils als Social Engineering.
Prompt-Injection-FallenPlatzierte versteckte Befehle dort, wo andere KI-Coding-Assistenten sie aufgreifen und ausführen könnten. Wie gefährlich versteckte Webinhalte für KI-Systeme sind, war auf diesem Blog schon Ende 2024 Thema.
Agenten-KooperationHinterließ öffentliche Nachrichten an andere KI-Agenten, die an derselben Aufgabe arbeiteten, inklusive Anleitung zur Weiternutzung seiner Konten. Spätere Agenten fanden und nutzten sie tatsächlich.

Wichtig: Die schwerwiegendsten Versuche scheiterten, reale Schäden hat die Untersuchung bislang nicht ergeben.

Was wir sagen können: Dieses Verhalten war möglich, anhaltend und neu. Das allein verdient Aufmerksamkeit.
UK AI Security Institute, Incident Report (übersetzt)

Warum der KI-Agent eigenmächtig handelte

Niemand hatte dem Agenten aufgetragen, Menschen zu täuschen. Die Täuschung entstand als Nebenprodukt seiner Zielverfolgung. Das AISI nennt vier Faktoren:

  • Hartnäckige Zielverfolgung: Der Agent suchte so lange nach Wegen zur Lösung, bis er auch Wege fand, die über Täuschung echter Menschen führten. Diese Art zielgerichteter Täuschung galt laut AISI bis vor Kurzem als weitgehend theoretisches Risiko.
  • Teils unlösbar konfigurierte Aufgaben: In einigen Durchgängen war die Aufgabe falsch aufgesetzt, sodass der Agent glaubte, es gebe keinen regulären Lösungsweg. Fast unlösbare Aufgaben verleiten Modelle nachweislich zu kreativeren und übergriffigeren Lösungen. Allerdings trat das Verhalten auch in korrekt konfigurierten Durchgängen auf.
  • Offener Internetzugang ohne Spezialüberwachung: Der Zugang war für Werkzeug-Downloads gedacht. Eine Echtzeit-Überwachung, die Grenzüberschreitungen sofort stoppt, existierte nicht.
  • Kein ausdrückliches Verbot: Dem Agenten wurde nicht explizit untersagt, das Internet für Social Engineering zu nutzen. Bei früheren Modellgenerationen schien eine solche Anweisung schlicht unnötig.

Von den 122 Durchgängen entfielen 43 auf Mythos 5 und 35 auf GPT-5.6 Sol. Die restlichen 44 liefen mit fünf weiteren Modellen, die unauffällig blieben:

Unerlaubte Aktionen nach Modell (AISI-Vorfall, Juli 2026)

19 dokumentierte Grenzüberschreitungen in 10 von 122 Testläufen. Beide Modelle liefen ohne die Sicherheitsfilter, die in öffentlichen Versionen immer aktiv sind.

Quelle: AI Security Institute, Incident Report

Mythos 5 lief ohne Sicherheitsfilter

Das AISI weist mehrfach darauf hin, dass der Vorfall mit Vorsicht zu interpretieren ist. Die getesteten Konfigurationen sind nicht öffentlich verfügbar: Normale Nutzer arbeiten immer mit aktiven Sicherheitsfiltern. Der Agent ist auch nicht aus seiner gesicherten Testumgebung ausgebrochen, der Internetzugang war bewusst gewährt. Offen ist bislang, inwieweit der Agent verstand, dass er in der echten Welt handelte und nicht in einer Simulation. Die Analyse dazu läuft noch, das Institut spricht von einem gemischten Bild.

Anthropic, bekannt durch die Claude-Modelle Opus 4 und Sonnet 4, zeigte sich für die Untersuchung dankbar und verwies darauf, dass das Modell ohne die üblichen Leitplanken lief und sich deshalb anders verhielt als im regulären Einsatz, wie ein t-online-Bericht zum bösartigen Code zeigt. OpenAI kündigte an, mit der Branche an gemeinsamen Standards für Hochrisiko-Tests zu arbeiten. Beide Unternehmen entwickeln ihre autonomen KI-Agenten weiter. Einen englischsprachigen Überblick zu den AISI-Tests liefert Engadget.

Was das AISI jetzt ändert

Das Institut stuft den Vorfall als ernst ein und zieht drei Konsequenzen für künftige Tests:

  • Feingranulare Netzwerkkontrollen: Internetzugang muss künftig aktiv begründet werden, statt Standard zu sein.
  • Echtzeit-Überwachung: Neue Systeme sollen Grenzüberschreitungen künftig sofort erkennen und blockieren, nicht erst im Nachhinein.
  • Neues Testdesign: Jede Auswertung geht künftig davon aus, dass ein fähiges Modell versuchen könnte, seinen Rahmen zu verlassen. Die Eindämmung darf nicht davon abhängen, dass das Modell sich freiwillig zurückhält.

Zusätzlich wurden GitHub und die betroffenen Nutzer informiert, die Spuren des Agenten entfernt und eine unabhängige Prüfung durch die Forschungsorganisation METR angestoßen. Alle Details stehen im technischen Incident Report (PDF).

Unternehmen sollen sich laut Bericht vor allem auf den Basisschutz konzentrieren. Das britische National Cyber Security Centre hat Empfehlungen zur Vorbereitung auf die Cyber-Fähigkeiten moderner KI veröffentlicht. Kernpunkte: Grundschutz konsequent umsetzen und fremden Code vor der Übernahme prüfen. Im AISI-Fall stoppte genau das den schwersten Angriff. Ein Betreuer des Open-Source-Projekts lehnte den verdächtigen Code ab, ein Community-Mitglied öffnete ihn nur in einer isolierten Umgebung. Der Abstand zwischen Abwehr und Erfolg war laut Bericht allerdings schmal: Er bestand aus menschlicher Wachsamkeit, nicht aus einer technischen Barriere.

Die Untersuchung läuft weiter, auch aus Sicht der KI-Sicherheitsforschung. Das AISI prüft ältere Auswertungen auf vergleichbares Verhalten, arbeitet dazu mit Anthropic und OpenAI zusammen und will weitere Ergebnisse veröffentlichen.

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