Glossareintrag
Wir denken. KI tippt mit.
Das Substituierbarkeitspotenzial gibt an, welcher Anteil der Kerntätigkeiten eines Berufs nach heutigem Stand der Technik vollautomatisch von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden könnte. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, ermittelt den Wert für die rund 4.600 in Deutschland bekannten Berufe. Für knapp 4.000 Einzelberufe zeigt ihn der Job-Futuromat des IAB in wenigen Sekunden an.
Dahinter steckt eine Division. Das IAB teilt die Zahl der automatisierbaren Kerntätigkeiten durch die Gesamtzahl der Kerntätigkeiten eines Berufs. Für Fliesen-, Platten- und Mosaikleger sind sechs Kerntätigkeiten hinterlegt, davon gilt nur das Untergrundbehandeln als automatisierbar. Daraus ergibt sich ein Substituierbarkeitspotenzial von 17 Prozent. Jede Kerntätigkeit zählt gleich viel, weil dem IAB keine Daten darüber vorliegen, wie viel Arbeitszeit tatsächlich auf sie entfällt.
Die Einstufung des IAB:
Der Wert beschreibt allein die technische Machbarkeit. Er sagt nicht, dass diese Tätigkeiten in einem Betrieb wirklich ersetzt werden, und er ist keine Prognose über wegfallende Arbeitsplätze. Im Englischen nennt das IAB den Wert substitution potential. Die verwandten Maße der internationalen Forschung heißen probability of computerisation (Frey und Osborne) und risk of automation (OECD), beide sind anders gerechnet.
Den Begriff prägten die IAB-Forscherinnen Katharina Dengler und Britta Matthes. Das Institut berechnet ihn seit 2013 und veröffentlicht ihn seit 2015. Anlass war eine Studie der Universität Oxford, die für die USA 47 Prozent der Beschäftigung als computerisierbar einstufte. Das IAB hielt die Übertragung dieser Werte auf Deutschland für methodisch falsch und rechnete anders. Der erste Kurzbericht trug den Titel „In kaum einem Beruf ist der Mensch vollständig ersetzbar“. Nicht ganze Berufe lassen sich automatisieren, sondern einzelne Tätigkeiten.
Die Datenbasis ist BERUFENET, die Berufsdatenbank der Bundesagentur für Arbeit. Berufsexpertinnen und -experten legen dort anhand von Ausbildungsordnungen und Stellenausschreibungen fest, welche Tätigkeiten für einen Beruf Kerntätigkeiten sind. Fachleute des IAB beurteilen anschließend jede einzelne Tätigkeit danach, ob heute verfügbare Technik sie vollständig übernehmen könnte. In der jüngsten Runde waren das über 9.000 Tätigkeiten.
Das IAB rechnet etwa alle drei Jahre neu, bisher für 2013, 2016, 2019 und 2022. Der aktuelle Stand stammt aus dem IAB-Kurzbericht 5/2024 zu den Substituierbarkeitspotenzialen 2022, veröffentlicht am 12. März 2024. Eine neuere bundesweite Welle gibt es bisher nicht. Der Job-Futuromat rechnet weiter mit dem Technikstand von 2022, pflegt aber neuere Berufsbilder ein.
2022 arbeiteten 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland in einem Beruf mit hohem Substituierbarkeitspotenzial, also 13,03 Millionen Menschen. 2013 waren es erst 15 Prozent, 2016 dann 25 Prozent, 2019 schon 34 Prozent. Der Zuwachs wird kleiner. Zwischen 2013 und 2016 lag er bei 10 Prozentpunkten, zwischen 2016 und 2019 bei 9, zwischen 2019 und 2022 nur noch bei 4.
Nach Anforderungsniveau fiel der Anstieg umso stärker aus, je höher qualifiziert der Beruf ist. Expertenberufe legten um 9,7 Prozentpunkte auf 35,8 Prozent zu, Spezialistenberufe um 5,1 auf 49,7 Prozent, Fachkraftberufe um 3,5 auf 61,6 Prozent. Helferberufe liegen bei 57,1 Prozent, ihr rechnerischer Rückgang um 1,8 Prozentpunkte geht laut IAB auf die 2020 überarbeitete Berufsklassifikation zurück. Fachkraftberufe haben damit den höchsten Wert aller vier Niveaus. Diese Zahlen widersprechen der verbreiteten Annahme, Automatisierung treffe primär einfache Arbeit.
Generative KI treibt diesen Anstieg, sie stand 2022 erstmals in großem Stil zur Verfügung. Die Wirkungswege laut IAB:
Die 14 Berufssegmente liegen weit auseinander. Fertigungsberufe kommen auf 87,9 Prozent, Bau- und Ausbauberufe auf 42,5 Prozent, soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe nur auf 13,5 Prozent. Das Diagramm mit allen 14 Segmenten steht im Artikel Arbeitslos durch KI in Handwerk und Unternehmen.
Auf Berufsebene verschieben sich Werte in beide Richtungen. Synchronsprecher gehören zu den wenigen Berufen bei 100 Prozent, weil sich alle typischen Tätigkeiten technisch nachbilden lassen. Journalisten stiegen von 20 auf 40 Prozent, Komponisten von 0 auf 25 Prozent. Bei Steuerfachangestellten sank das Potenzial dagegen von 100 auf 50 Prozent, nachdem die Ausbildungsordnung Ende 2023 geändert wurde. Solche Verschiebungen sind laut IAB der Grund, bei der Berufswahl auf Tätigkeiten statt auf Listen zu schauen. Für 2.234 der 4.316 Berufe, die 2019 und 2022 in der Liste standen, änderte sich überhaupt nichts.
Was die Kennzahl nicht misst:
Im Kurzbericht schreibt das IAB, die Entscheidung über die tatsächliche Automatisierung sei nicht allein durch die Technologie vorgegeben, sondern das Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Das Institut hat 2020 selbst nachgerechnet, wie weit Potenzial und Wirklichkeit auseinanderliegen. Ein um 10 Prozentpunkte höheres Substituierbarkeitspotenzial ging im Schnitt mit rund 1 Prozentpunkt geringerem Beschäftigungswachstum einher. In der Mechatronik wuchs die Beschäftigung zwischen 2013 und 2017 trotz hohem Potenzial um fast 33 Prozent, während das Modell gut 11 Prozent vorhergesagt hatte. Für solche Abweichungen nach oben führen Ökonomen wie der Apollo-Chefökonom Torsten Slok das Jevons-Paradoxon an. Wird eine Leistung billiger, wächst die Nachfrage danach, und am Ende arbeiten mehr Menschen in dem Feld.
Leser verwechseln die Zahl häufig mit zwei anderen, die ganz anders gerechnet sind. Frey und Osborne schätzten 2013 pro Beruf eine Wahrscheinlichkeit für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre, daraus stammen die berühmten 47 Prozent für die USA. Überträgt man diese Werte eins zu eins auf Deutschland, kommt man auf 42 Prozent. Ein Team um Melanie Arntz hat sie stattdessen auf die Tätigkeitsprofile einzelner Arbeitsplätze umgerechnet. In der ZEW-Kurzexpertise für das Bundesarbeitsministerium blieben davon 12 Prozent der Arbeitsplätze übrig, in der OECD-Fassung über 21 Länder 9 Prozent im Schnitt und ebenfalls 12 Prozent für Deutschland. Die IAB-Zahl ist die einzige der drei ohne Zeithorizont und ohne Wahrscheinlichkeit. Sie nennt einen Anteil von Kerntätigkeiten zum heutigen Stand der Technik.
Das IAB misst getrennt davon, wie stark KI heute wirklich im Einsatz ist. Nach dem IAB-Kurzbericht 8/2026 zur KI-Nutzung in Betrieben nutzten 2025 knapp 25 Prozent der deutschen Betriebe generative KI, 2023 waren es 5 Prozent. Diese Erhebung misst die tatsächliche Nutzung in den Unternehmen, kein Substituierbarkeitspotenzial.
Das Substituierbarkeitspotenzial im Handwerk geht von Beruf zu Beruf weit auseinander, und der Job-Futuromat zeigt, warum. Maurer stehen bei 0 Prozent, weil keine ihrer sieben Kerntätigkeiten technisch ersetzbar ist. Fliesenleger kommen auf 17 Prozent, Friseure auf 11 Prozent, Dachdecker auf 36 Prozent, Tischler auf 58 Prozent. Wer vor Ort arbeitet, jeden Tag eine andere Baustelle hat und mit den Händen entscheidet, taucht in dieser Statistik unten auf.
Zwei Handwerksberufe liegen trotzdem oben. Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik erreichen 70 Prozent, Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik sogar 80 Prozent. Beim Anlagenmechaniker gelten die planenden und regelnden Anteile als ersetzbar, also Mess-, Steuer- und Regeltechnik sowie Haus-, Heizungs-, Klima-, Lüftungs- und Versorgungstechnik. Montage, Rohrinstallation und Sanitärinstallation bleiben davon ausgenommen. Beim Elektroniker bleiben Elektroinstallation, Elektroleitungsbau und Kundenberatung übrig. Ein hoher Wert heißt also nicht, dass der Monteur überflüssig wird. Er zeigt, wie viel Kopfarbeit rund um den Einbau an Technik übergehen kann.
Für die Schreibtischseite eines Betriebs sagt derselbe Datensatz das Gegenteil. Buchhalter und Baukalkulatoren stehen bei 100 Prozent. Beim Baukalkulator gelten alle vier Kerntätigkeiten als ersetzbar, darunter Ausschreibung, Vergabe und Leistungsbeschreibung sowie die Kalkulation. Telefonisten erreichen denselben Wert, Kaufleute für Büromanagement 75 Prozent, Bauleiter 50 Prozent. Für einen Handwerksbetrieb liegt das größte Automatisierungspotenzial damit im Büro und nicht in der Werkstatt. Die Werte stammen aus verschiedenen Berufen derselben IAB-Systematik, eine eigene IAB-Aussage über Handwerksbetriebe gibt es nicht.
Dort setzen die KI-Tools an, die heute erhältlich sind. Angebots- und E-Mail-Texte entstehen mit ChatGPT, Claude oder Gemini in Minuten statt in einer Stunde. Eingehende Rechnungen liest eine Texterkennung aus und übergibt sie an die Buchhaltung. Anrufe außerhalb der Bürozeiten nimmt ein Voice Agent entgegen und schreibt den Rückrufwunsch in den Kalender. Leistungsverzeichnisse aus einer Ausschreibung lässt sich ein Betrieb zusammenfassen, bevor er kalkuliert. In der IAB-Systematik gehören genau diese Aufgaben zu Berufen mit Werten von 75 bis 100 Prozent.
In der Breite passiert das noch nicht. Nach dem Bitkom-Studienbericht zur Digitalisierung des Handwerks (504 befragte Handwerksunternehmen, Feldzeit Juni und Juli 2025) nutzen 4 Prozent der Betriebe KI, 9 Prozent planen es, und für 84 Prozent ist KI im Betrieb kein Thema. Das ifo Institut meldet für das Baugewerbe 39,8 Prozent (Konjunkturumfrage Mai 2026, drei Jahre zuvor waren es 7,1 Prozent). Die beiden Zahlen widersprechen sich nicht, sie befragen unterschiedliche Gruppen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Deshalb darf man sie nicht gegeneinander rechnen.
Im Job-Futuromat steht bei jedem Beruf die Liste der Kerntätigkeiten, jede einzeln als automatisierbar oder nicht markiert. Diese Liste beantwortet die Frage, wo ein KI-Agent oder eine Software im Betrieb überhaupt ansetzen kann, und wo die Arbeit am Menschen hängt. Wer die eigenen Leute weiterqualifizieren will, bekommt dafür Geld von der Arbeitsagentur. Die Weiterbildungsförderung für Beschäftigte nach § 82 SGB III bezuschusst Lehrgangskosten und Arbeitsentgelt, die Höhe hängt von der Betriebsgröße und vom Alter der Beschäftigten ab. Gefördert werden nur Lehrgänge zugelassener Träger ab 120 Stunden, eine Schulung zur eigenen Betriebssoftware fällt ausdrücklich nicht darunter.
Ein hoher Wert schlägt nicht eins zu eins auf die Beschäftigung durch. Bäcker haben ein Substituierbarkeitspotenzial von 100 Prozent, alle fünf Kerntätigkeiten gelten als automatisierbar. In der Back- und Konditoreiwarenherstellung ist die Beschäftigung zwischen 2012 und 2020 laut Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft zu Handwerksberufen trotzdem nur um fast 8 Prozent zurückgegangen. Bei Kassierern mit ebenfalls hohem Potenzial stieg sie um rund 11 Prozent. Das IAB warnt zusätzlich davor, KI als Lösung für den Fachkräftemangel zu sehen, weil ihr Einsatz selbst eingerichtet, gewartet und kontrolliert werden muss.