Glossareintrag
Wir denken. KI tippt mit.
Eine revolvierende Kreditlinie (englisch Revolving Credit Facility, kurz RCF oder Revolver, auch revolvierender Kredit) ist ein fest zugesagter Kreditrahmen, den ein Unternehmen während der Laufzeit wiederholt ziehen und zurückzahlen kann. Nach jeder Rückzahlung steht der Rahmen wieder in voller Höhe bereit. Zinsen fallen nur auf den tatsächlich gezogenen Betrag an. Für den ungenutzten Teil zahlt das Unternehmen eine Bereitstellungsprovision (Commitment Fee). Übliche Laufzeiten liegen bei drei bis fünf Jahren, oft mit Verlängerungsoptionen.
Die amtliche Definition für die europäische Bankenstatistik steht in der EZB-Verordnung 1071/2013 (Anhang II). Danach darf der Kreditnehmer Mittel bis zu einem im Voraus genehmigten Limit abrufen, ohne den Kreditgeber vorab zu informieren. Der verfügbare Betrag sinkt mit jeder Aufnahme und steigt mit jeder Rückzahlung. Der Kredit lässt sich wiederholt nutzen. Und es besteht keine Pflicht zur regelmäßigen Rückzahlung.
Der Gegenbegriff ist der Term Loan (Tilgungsdarlehen). Er wird einmal ausgezahlt und nach Plan getilgt. Jede Rate verringert die Schuld endgültig. Vom deutschen Kontokorrentkredit unterscheidet sich der Revolver durch die feste Zusage (englisch committed). Ein Kontokorrentkredit läuft meist ohne feste Laufzeit. Ein Revolver gibt dem Unternehmen für die vereinbarte Laufzeit einen Anspruch auf Auszahlung, solange es die Vertragsbedingungen einhält. Anders als bei einer Eigenkapitalrunde entstehen keine neuen Anteile. Die Bewertung bleibt unberührt. (Hinweis: Verwechselbar mit der Revolving-Kreditkarte, bei der Verbraucher ihre Kartenumsätze in Raten abzahlen. Die Mechanik ist dieselbe, Zinsniveau und Zweck unterscheiden sich.)
Auf gezogene Beträge zahlt das Unternehmen einen Referenzzins plus Marge, in Euro den Euribor, in Dollar den SOFR. Die Marge hängt von der Bonität ab und ist in vielen Verträgen an den Verschuldungsgrad gekoppelt (Margin Ratchet). Der Hamburger Wirkstoffentwickler Evotec hat seinen Kreditvertrag über 250 Millionen Euro bei der US-Börsenaufsicht SEC veröffentlicht. Darin steigt die Marge in sieben Stufen von 1,55 auf 2,85 Prozent. Maßstab ist die Nettoverschuldung im Verhältnis zum bereinigten operativen Ergebnis (EBITDA). Als Bereitstellungsprovision fallen 35 Prozent der jeweils gültigen Marge auf den ungenutzten Teil an. Auf den gezogenen Betrag erheben die Banken außerdem eine gestaffelte Inanspruchnahmeprovision (Utilisation Fee). Sie beträgt 0,10 Prozent bei weniger als einem Drittel Ausnutzung, 0,20 Prozent ab einem Drittel und 0,30 Prozent ab zwei Dritteln. Arrangeure waren Commerzbank, Goldman Sachs, HSBC, Morgan Stanley, UniCredit, BNP Paribas und LBBW.
US-Unternehmen nennen die Provision meist als festen Satz. SpaceX zahlt laut Quartalsbericht zum 30. Juni 2026 für nicht gezogene Beträge seiner Linie über 5 Milliarden Dollar 0,06 bis 0,11 Prozent im Jahr, je nach Rating. Gezogenes Geld kostet 0,75 bis 1,25 Prozentpunkte über dem SOFR. CoreWeave zahlt für seinen Revolver über 2,5 Milliarden Dollar 0,25 Prozent auf die ungenutzte Zusage. Einmalig erhalten die arrangierenden Banken eine Strukturierungsgebühr (Arrangement Fee). Laufend bezahlt das Unternehmen die Bank, die den Konsortialkredit für alle beteiligten Häuser verwaltet (Agency Fee).
Zur Zusage gehören Auflagen (Covenants). Üblich ist eine Obergrenze für den Verschuldungsgrad, die das Unternehmen quartalsweise per Bescheinigung nachweist. Bei Evotec sinkt diese Grenze über die Laufzeit vom 3,75-Fachen auf das 3,25-Fache des EBITDA. Ein Verstoß gibt den Banken das Recht, zu kündigen. Sie können ihn aber per Verzichtserklärung (Waiver) hinnehmen. SpaceX meldete für die Übernahme von xAI am 2. Februar 2026 einen solchen technischen Verstoß wegen der übernommenen Schulden. Die Banken erteilten den Waiver am 2. März 2026.
Die Bereitstellungsprovision deckt Eigenkapital, das Banken für die gesamte eingeräumte Kreditlinie hinterlegen müssen, auch wenn der Kunde sie nicht ausnutzt. So steht es im Gabler Banklexikon unter Kreditprovision. Die europäische Kapitaladäquanzverordnung (CRR) legt in Artikel 111 fest, mit welchem Anteil ein nicht gezogener Rahmen als Risikoposition zählt. Seit der Reform CRR III (anwendbar ab 1. Januar 2025) zählen fest zugesagte Linien mit 40 Prozent des ungenutzten Betrags. Für Zusagen, die die Bank jederzeit fristlos widerrufen kann, sind es 10 Prozent. Eine Übergangsregel setzt diesen Wert bis Ende 2029 auf null, danach steigt er stufenweise und erreicht 2033 die vollen 10 Prozent. Ein fest zugesagter Revolver bindet deshalb deutlich mehr Eigenkapital als ein kündbarer Rahmen.
In der Bilanz taucht ein ungezogener Revolver nicht auf. Die EZB-Verordnung schreibt für die Bankenstatistik vor, dass noch nicht abgerufene oder bereits zurückgezahlte Beträge eines Kreditrahmens in keiner Bilanzposition erscheinen. Aufseiten des Unternehmens empfiehlt der Rechnungslegungsstandard IAS 7 (Absatz 50), den Betrag nicht ausgenutzter Kreditlinien im Anhang anzugeben. Eine Pflicht ist das nicht. Erst mit dem Abruf entsteht eine Verbindlichkeit.
Facebook wies im Quartalsbericht zum 31. März 2016 eine Linie über 6,5 Milliarden Dollar aus, gezogen war nichts. Kosten verursachte nur die Provision von 0,10 Prozent auf den täglich nicht gezogenen Saldo. Die BMW Group unterzeichnete im Juni 2023 eine syndizierte revolvierende Kreditlinie über 8 Milliarden Euro mit 43 Banken und teilte mit, dass sie ihren RCF bislang noch nie gezogen hat. Der Konzern nennt das Instrument eine kurzfristige Liquiditätsabsicherung.
Auch die großen KI-Unternehmen halten Revolver, neben Eigenkapitalrunden und Projektkrediten für Rechenzentren. OpenAI vereinbarte im Oktober 2024 eine Linie über 4 Milliarden Dollar mit neun Banken, darunter JPMorgan Chase, Citi, Goldman Sachs und Morgan Stanley. In ihrer Mitteilung zur OpenAI-Kreditlinie hielt die beratende Kanzlei Latham & Watkins fest, dass die Linie bei Abschluss nicht gezogen war. Mit der Finanzierungsrunde im März 2026 wuchs sie nach Angaben von OpenAI auf rund 4,7 Milliarden Dollar, erneut ungezogen.
Anthropic erhielt im Mai 2025 eine fünfjährige Linie über 2,5 Milliarden Dollar von sieben Banken. Finanzchef Krishna Rao begründete sie im CNBC-Bericht zur ersten Anthropic-Kreditlinie mit der Flexibilität, das exponentielle Wachstum zu stützen. Laut einem Bloomberg-Bericht vom 3. September 2026 stand die Ausweitung der Anthropic-Kreditlinie auf 15 Milliarden Dollar kurz vor dem Abschluss, mit 17 Banken unter Führung von Morgan Stanley. Die Zusagen sind nach Rolle gestaffelt. Die aktivsten Banken sollten je rund 1,25 Milliarden beisteuern.
Unternehmen schließen einen großen Revolver üblicherweise ab, bevor sie den Banken ihre Rollen im Börsengang offiziell mitteilen, schreibt Bloomberg. Facebook unterzeichnete den Kreditvertrag über 5 Milliarden Dollar am 28. Februar 2012, elf Wochen vor dem Börsengang. JPMorgan verwaltete den Kredit als Agent, Morgan Stanley, Goldman Sachs, Bank of America und Barclays traten als Bookrunner auf. Der Zins lag bei Libor plus 1 Prozentpunkt, die Bereitstellungsprovision bei 0,10 Prozent. Airbnb unterschrieb im November 2020 eine besicherte Linie über 500 Millionen Dollar unter Führung von Morgan Stanley, drei Wochen vor dem Börsengang. Die Bereitstellungsprovision betrug 0,15 Prozent. SpaceX stockte seinen Rahmen im Mai 2026 von 1,5 auf 5 Milliarden Dollar auf, einen Monat vor dem Börsengang, und hatte bis Ende Juni nichts davon abgerufen. Bei Anthropic führen die vier Banken mit den prominentesten Rollen im Kredit auch den Börsengang.
CoreWeave nutzt seinen Revolver dagegen laufend. Ende 2025 waren von den 2,5 Milliarden Dollar eine Milliarde gezogen. Im April 2026 zahlte das Unternehmen alles zurück. Im August 2026 rief es erneut 1,2 Milliarden ab, wie der Quartalsbericht zum 30. Juni 2026 zeigt. CoreWeaves weit größere Kredite für den Kauf von GPUs sind keine Revolver, sondern Delayed Draw Term Loans, also Terminkredite mit Abrufphase, deren Tilgung den Rahmen endgültig verringert. Oracle ersetzte im März 2026 seinen Revolver über 6 Milliarden Dollar durch einen über 10 Milliarden. Im Geschäftsbericht zum 31. Mai 2026 beschreibt der Konzern das Prinzip wörtlich als „borrow, prepay and reborrow“, also ausleihen, vorzeitig tilgen und erneut ausleihen.
Große Linien enthalten oft Unterlinien, z. B. eine Swingline für taggleiche Kurzkredite, und einen Rahmen für Akkreditive (Letters of Credit). Eine Accordion-Option erlaubt dem Unternehmen, den Rahmen später aufzustocken, sofern Banken zusätzliche Zusagen geben. Bei nachhaltigkeitsgebundenen Revolvern (Sustainability-linked) bewegt sich die Marge mit ESG‑Kennzahlen (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung). Fresenius vereinbarte 2021 eine syndizierte Kreditlinie, deren Marge sich abhängig von der Nachhaltigkeitsleistung nach oben oder unten anpasst. Der Evotec-Vertrag begrenzt diesen Effekt auf 5 Basispunkte (0,05 Prozentpunkte).
Die Revolving-Kreditkarte nutzt dieselbe Mechanik im Kleinen. Die Finanzaufsicht BaFin sieht darin ein Verschuldungsrisiko. Nach einer BaFin-Erhebung vom Mai 2025 zahlten zehn Prozent der Karteninhaber ihre Abrechnung in Raten ab. Bei 76 Prozent davon hatte das Institut die Ratenzahlung voreingestellt, und 70 Prozent kannten den Zinssatz nicht. Auf ihrer Verbraucherseite zu echten Kreditkarten nennt die BaFin effektive Jahreszinsen von fast 25 Prozent bei den teuersten Karten (Stand: Januar 2024). In der Bankenstatistik zählen Kreditkartenkredite ausdrücklich nicht zu den revolvierenden Krediten.
Für einen Handwerksbetrieb heißt das Gegenstück Kontokorrentkredit, auf Bankseiten auch Betriebsmittelkredit oder Geschäftskreditlinie. Die Sparkassen beschreiben den Kontokorrentkredit als flexible Kreditlinie, mit der Sie Ihr Geschäftskonto bis zu einem vereinbarten Limit überziehen. Zinsen fallen nur auf den überzogenen Betrag an. Bei einer Linie von 100.000 Euro und 60.000 Euro Nutzung zahlen Sie Zinsen nur auf die 60.000 Euro, so das Rechenbeispiel zur Geschäftskreditlinie der Deutschen Bank. Wie beim großen Revolver füllt sich der Rahmen mit jedem Zahlungseingang wieder auf. Feste Raten gibt es nicht.
Die Deutsche Bundesbank führt diese Kredite in ihrer Zinsstatistik wörtlich als „revolvierende Kredite und Überziehungskredite“. Für Unternehmen lag der Effektivzins im Neugeschäft im Juli 2026 bei rund 5 Prozent, für private Haushalte bei rund 9,4 Prozent (vorläufige Werte), wie die MFI-Zinsstatistik der Bundesbank ausweist.
Anders als der Revolver der Konzerne läuft der Kontokorrentkredit meist ohne feste Laufzeit. Die Deutsche Bank empfiehlt, ihn regelmäßig zu überprüfen und an den tatsächlichen Finanzbedarf anzupassen. Für die Bereitstellung der Linie kann die Bank eine Provision verlangen. Auf den Produktseiten der Filialbanken taucht sie selten auf, der Handwerks-Ratgeber der Berliner Sparkasse nennt sie ausdrücklich. Förderkredite der KfW für Betriebsmittel, z. B. der ERP-Förderkredit KMU, sind Tilgungsdarlehen mit festem Plan und keine revolvierende Linie. Wer ohne ausreichende Sicherheiten eine Kontokorrentlinie benötigt, kann sie über die Bürgschaftsbank seines Bundeslandes absichern lassen. Laut den FAQ des Verbands Deutscher Bürgschaftsbanken sind Kontokorrent- und Avalkredite verbürgbar. Die Bürgschaftsbank trägt in der Regel bis zu 80 Prozent des Ausfallrisikos. Der Fintech-Anbieter iwoca vermarktet seinen Flexi-Rahmenkredit ausdrücklich als revolvierende Kreditlinie, die sich nach Rückzahlung und erneuter Prüfung wieder nutzen lässt.
Eine Kreditlinie über 15 Milliarden Dollar bedeutet keine 15 Milliarden Dollar Schulden. Wichtig ist bei jeder Meldung, ob das Unternehmen Geld abgerufen hat. OpenAI meldete seine Linie bei Abschluss als ungezogen, SpaceX wies seine zum 30. Juni 2026 ebenfalls ungezogen aus. CoreWeave ruft dagegen regelmäßig Geld ab. Ein ungezogener Revolver zeigt, dass Banken nach Prüfung der Zahlen bereit sind, dem Unternehmen innerhalb der Vertragsbedingungen Geld zu leihen. Über die Finanzlage des Anbieters Ihres KI-Tools sagt das etwas anderes aus als eine hochgerechnete Run-Rate, die nur das Umsatztempo beschreibt.