Glossareintrag
Wir denken. KI tippt mit.
Function Calling (deutsch Werkzeugnutzung, bei Anthropic etwa Tool Use, gelegentlich auch Tool Calling genannt) bezeichnet die Fähigkeit eines KI-Sprachmodells, auf eine Anfrage hin nicht nur Text zu schreiben, sondern gezielt Funktionen anderer Software aufzurufen, etwa eine Kalender-Abfrage, eine Datenbank-Suche oder das Anlegen eines Kundeneintrags. Das Modell erzeugt dazu einen maschinenlesbaren Aufruf mit Funktionsname und ausgefüllten Parametern. Ausgeführt wird die Funktion von der angeschlossenen Anwendung, nie vom Modell selbst.
OpenAI führte die Technik am 13. Juni 2023 in seine Programmierschnittstelle ein und machte den Begriff damit zum Branchenstandard. Heute beherrschen alle großen Modelle das Verfahren, neben den OpenAI-Modellen auch Claude von Anthropic und Gemini von Google. Function Calling gilt als technisches Fundament jedes KI-Agenten.
Der Ablauf folgt bei allen Anbietern demselben Muster aus vier Schritten:
Das Modell hat zu keinem Zeitpunkt direkten Zugriff auf Kalender, Datenbank oder E-Mail-Konto. Es äußert nur den Wunsch nach einem Aufruf; welche Funktionen überhaupt existieren und ob der Aufruf wirklich ausgeführt wird, bestimmt allein die Anwendung. Google stellt in seiner Function-Calling-Dokumentation für Gemini ausdrücklich klar, dass das Modell die Funktion nicht selbst ausführt, und die Tool-Use-Dokumentation von Anthropic beschreibt Claude ebenso als Absender eines strukturierten Aufrufs, den die eigene Anwendung ausführt. (Hinweis: Einige Zusatzwerkzeuge wie die eingebaute Websuche führt der Modellanbieter auf seinen Servern aus; auch dabei bleibt die Ausführung außerhalb des Modells.) Bei mehreren unabhängigen Aufgaben rufen aktuelle Modelle mehrere Funktionen parallel in einer einzigen Antwort auf.
Im selben Zusammenhang fällt häufig das Model Context Protocol (MCP), ein offener Standard, den Anthropic mit einer Ankündigung im November 2024 vorgestellt hat. Function Calling beschreibt die Fähigkeit des Modells, den strukturierten Aufruf zu erzeugen; MCP normiert zusätzlich, wie Programme ihre Funktionen den KI-Anwendungen anbieten, vergleichbar mit einem genormten Stecker zwischen Modell und Software. Bei Tool-Aufrufen über MCP arbeitet unter der Haube ebenfalls das Function Calling des Modells. Seit 2025 unterstützen neben Anthropic auch OpenAI und Google den Standard, wie Googles MCP-Zusage vom April 2025 zeigt.
Wie zuverlässig ein Modell Funktionen aufruft, misst das Berkeley Function Calling Leaderboard (BFCL) der University of California. Kein Modell erreicht dort fehlerfreie Werte. Gerade bei mehrstufigen Aufgaben wählen Modelle mitunter die falsche Funktion oder halluzinieren Parameter, die in der Anfrage gar nicht vorkamen; die aktuellen Werte zeigt das öffentliche BFCL-Ranking. Gut gebaute Systeme lassen kritische Aktionen wie das Versenden von E-Mails, das Löschen von Daten oder Zahlungen deshalb von einem Menschen freigeben und geben dem Modell nur die Funktionen mit, die für die Aufgabe nötig sind.
(Hinweis: Verwechselbar mit „KI-Tools" im Alltagssinn. In Ratgeber-Listen ist die KI das Werkzeug des Menschen; beim Function Calling nutzt das Modell selbst Werkzeuge.)
Handwerksbetriebe und lokale Unternehmen nutzen Function Calling in aller Regel fertig eingebaut, ohne selbst eine Zeile Code zu schreiben. Am deutlichsten zeigt sich die Technik bei KI-Telefonassistenten. HalloPetra, eine auf Handwerksbetriebe spezialisierte KI-Bürokraft aus Deutschland, nimmt Anrufe entgegen und ruft je nach Gesprächsverlauf die passende Funktion auf, vom Google- oder Outlook-Kalender bis zu 22 angebundenen Branchenprogrammen wie TAIFUN oder SYKASOFT; die Tarife beginnen laut Preisliste des Anbieters bei 99 Euro im Monat. Der österreichische Anbieter fonio.ai richtet sich mit einem eigenen Angebot ebenfalls an Handwerksbetriebe und bucht Termine direkt in Google- und Microsoft-Kalender, ab 99 Euro für 1.000 Gesprächsminuten im Monat.
Auch in den großen Büro-Assistenten steckt dieselbe Mechanik. Beantwortet Microsoft 365 Copilot die Frage nach den morgigen Terminen, holt er die Daten über die Microsoft-Graph-Schnittstelle aus Kalender und Postfach, statt sie aus dem Modellwissen zu raten. Claude verbindet sich über Connectors nach dem MCP-Standard mit Google Kalender, Gmail oder Microsoft 365.
Wer eigene Abläufe bauen will, findet Function Calling in No-Code-Werkzeugen wieder. In den AI Agents von Make.com dienen ganze Szenarien als Funktionen, die der Agent je nach Aufgabe selbstständig startet, etwa der Abruf von Lagerbeständen aus einer Google-Sheets-Tabelle. Beim Wettbewerber n8n füllt das Modell die Felder des Google-Calendar-Bausteins selbst aus und legt so aus einer formlosen Chat-Nachricht einen fertigen Kalendereintrag an.