Glossareintrag
Wir denken. KI tippt mit.
Eine Exploit-Kette (englisch Exploit Chain, in Prämienprogrammen auch Full Chain) ist ein Angriff, der mehrere Sicherheitslücken nacheinander ausnutzt, weil eine einzelne Lücke das Ziel nicht erreicht. Jedes Glied der Kette ist ein eigener Exploit für eine eigene Schwachstelle mit eigener CVE-Nummer, und jedes Glied verschafft dem nächsten die Rechte oder den Zugang, den es benötigt. Gegen ein Smartphone oder einen PC läuft das meist in drei Schritten ab. Der erste Exploit bringt fremden Code in einen abgeschotteten Prozess, z. B. beim Anzeigen eines Bildes oder einer Webseite. Der zweite bricht aus dieser Sandbox aus. Der dritte weitet die Rechte bis zum Systemkern aus (Privilege Escalation, deutsch Rechteausweitung). Erst am Ende der Kette kontrolliert der Angreifer das Gerät.
Der Begriff beschreibt die technische Verkettung von Schwachstellen und ist enger als die Angriffskette. Die Cyber Kill Chain von Lockheed Martin und die Taktiken der Wissensbasis MITRE ATT&CK beschreiben den gesamten Ablauf eines Angriffs von der Aufklärung bis zur Wirkung im Ziel. Eine Exploit-Kette spielt sich innerhalb eines Ausschnitts davon ab, vom ersten Zugriff bis zur Rechteausweitung. Fachmedien wie „heise“ verwenden das Wort Exploit-Kette. Das BSI misst in seinem Lagebericht die Größe „Exploitation“, ohne die Kette eigens zu definieren. Eine Zero-Day-Schwachstelle kann ein Glied der Kette sein, muss es aber nicht. Viele Ketten kombinieren eine neue Lücke mit längst bekannten, ungepatchten Lücken.
Exploit-Ketten sind die Folge von Härtung. Browser und Betriebssysteme trennen Prozesse voneinander, prüfen Zeiger und sperren Speicherbereiche, sodass ein einzelner Programmierfehler nicht mehr bis zur Kontrolle über das Gerät reicht. Google nennt in seinem Rückblick auf die Zero-Days des Jahres 2023 als Beispiel die Zeigerprüfung MiraclePtr in Chrome. Apples Blockierungsmodus (Lockdown Mode) unterbindet nach Googles Darstellung viele in freier Wildbahn beobachtete Exploit-Ketten. Von den 90 Zero-Days, die Googles Threat Intelligence Group für 2025 zählte, richteten sich weniger als zehn Prozent gegen Browser. Fast die Hälfte, 43 Stück, traf dagegen Unternehmenstechnik wie VPN-Geräte, Firewalls und Server. Bei diesen Geräten reicht laut dem Bericht derselben Gruppe für 2024 oft eine einzige Schwachstelle für die Ausführung fremden Codes, ganz ohne Kette.
Wo Ketten nötig sind, werden sie länger. Mehrere 2025 entdeckte Ketten umfassten laut Google drei oder mehr Schwachstellen. Ein Beispiel aus demselben Bericht führt von einer Lücke in Chrome (CVE-2024-0519) über einen Fehler im Grafiktreiber von Qualcomm (CVE-2025-27038) bis in den Kerneltreiber (CVE‑2023‑33106). Zwei der drei CVE-Nummern stammen aus früheren Jahren. Für sie gab es längst ein Update, das auf dem Zielgerät nur nicht angekommen war.
Die bekanntesten Ketten sind Spionagewerkzeuge gegen Smartphones, weil ein iPhone ohne Mitwirkung des Nutzers in der Regel nur über eine Kette zu übernehmen ist. Operation Triangulation entdeckte Kaspersky nach eigener Darstellung im Juni 2023 im Datenverkehr des firmeneigenen WLANs für Mobilgeräte. Die Kette nutzte vier Zero-Days. Ein unsichtbarer iMessage-Anhang löste einen Fehler in einer undokumentierten Schriftarten-Funktion aus (CVE-2023-41990). Ein Integer-Überlauf im Kernel verschaffte Lese- und Schreibzugriff auf den physischen Speicher (CVE-2023-32434), eine undokumentierte Hardware-Funktion des Chips umging Apples Seitenschutz (CVE-2023-38606). Danach startete ein unsichtbarer Safari-Prozess einen weiteren Exploit (CVE-2023-32435), der über dieselben beiden Kernel-Fehler Root-Rechte erlangte und die Spionagesoftware lud. Das Magazin „heise“ sprach von einer „komplexen Exploit-Kette“. Die Kette BLASTPASS der NSO Group kam mit zwei Lücken aus (CVE-2023-41064 und CVE‑2023‑41061). Sie steckte in präparierten Bildern in PassKit-Anhängen und funktionierte gegen das damals aktuelle iOS 16.6. Das Citizen Lab fand sie im September 2023 auf dem Gerät eines Mitarbeiters einer in Washington ansässigen zivilgesellschaftlichen Organisation. Apple bestätigte, dass der Blockierungsmodus den Angriff stoppt. Apples höchste Prämie beschreibt praktisch eine vollständige Kette. Die Kategorie „Network attack with no user interaction“ zahlt 2 Millionen US-Dollar für den Weg von der Telefonnummer oder E-Mail-Adresse bis zur Kontrolle über den Kernel, ohne jede Nutzeraktion.
Gegen Server bestehen Ketten meist aus Anmeldeumgehungen und Dateischreibfehlern statt aus Sandbox-Ausbrüchen. ProxyShell, die Exchange-Kette von 2021, verband drei Lücken. Ein Fehler in der Pfadverarbeitung umging die Anmeldung (CVE-2021-34473), ein zweiter weitete die Rechte im PowerShell-Backend aus (CVE-2021-34523), ein dritter schrieb eine beliebige Datei auf den Server (CVE‑2021‑31207). Microsoft hatte zwei der drei Lücken laut Analyse von Tenable zunächst als „Exploitation Less Likely“ eingestuft, weil sie für sich genommen wenig hergaben. Zusammen ergaben sie die Übernahme des Mailservers ohne Passwort. Der CVSS-Score bewertet immer eine einzelne Lücke, nie die Kette.
Beim Hacker-Wettbewerb Pwn2Own in Berlin verkettete Dinh Ho Anh Khoa von Viettel Cyber Security am 16. Mai 2025 laut Ergebnisbericht der Zero Day Initiative eine Anmeldeumgehung mit einer unsicheren Deserialisierung in Microsoft SharePoint und erhielt dafür 100.000 US‑Dollar. Microsoft patchte die beiden Lücken (CVE-2025-49706 und CVE-2025-49704) am 8. Juli 2025. Elf Tage später veröffentlichte der Konzern zwei weitere CVE-Nummern (CVE-2025-53770 und CVE-2025-53771), weil Angreifer die Korrekturen umgangen hatten und weltweit SharePoint-Server übernahmen. Die Kette heißt seither ToolShell. Den Namen hatte ihr der Entdecker selbst gegeben. Zwischen der Vorführung auf der Bühne und der weltweiten Ausnutzung lagen nach der Zeitlinie von Unit 42 (Palo Alto Networks) zwei Monate. Die US-Behörde CISA schreibt bei solchen Fällen in ihren Katalog ausgenutzter Schwachstellen den Zusatz, dass die Lücke mit einer anderen verkettet werden kann. Von den 1.709 Einträgen des Known Exploited Vulnerabilities Catalog (Stand: 11. September 2026) tragen 52 einen solchen Hinweis auf eine Kette.
Manchmal verbirgt eine einzige CVE-Nummer eine ganze Kette. Die Lücke CVE-2025-61882 in Oracles E-Business Suite nutzte eine Gruppe, die sich der Erpressermarke CL0P zurechnet, nach der Analyse von Googles Threat Intelligence Group mutmaßlich schon ab dem 9. August 2025 als Zero-Day. Der Exploit verbindet laut der von Google zitierten Untersuchung von watchTowr Labs mehrere Bausteine, darunter eine serverseitige Anfragefälschung (SSRF), eine CRLF-Injektion, eine Anmeldeumgehung und eine Vorlagen-Injektion. Am Ende führt der Server fremden Code im Arbeitsspeicher aus, ohne dass eine Datei auf der Festplatte landet.
Die Zeit zwischen Bekanntwerden und Ausnutzung schrumpft. Mandiant maß für 2023 eine durchschnittliche Zeit bis zur Ausnutzung von fünf Tagen, nach 63 Tagen in den Jahren 2018 und 2019 und 32 Tagen 2021 und 2022. Der Data Breach Investigations Report 2026 von Verizon nennt die Ausnutzung von Schwachstellen erstmals als häufigsten Erstzugang bei Datenpannen, mit 31 Prozent vor dem Missbrauch von Zugangsdaten mit 13 Prozent. Nur 26 Prozent der Lücken aus dem CISA-Katalog wurden laut demselben Bericht 2025 vollständig behoben. Im Median dauerte das 43 Tage.
Beim Pwn2Own Berlin 2026 zahlte die Zero Day Initiative 1.298.250 US-Dollar für 47 bis dahin unbekannte Lücken. Ein Forscher von DEVCORE verkettete dort erneut zwei Fehler in SharePoint und erhielt 100.000 US-Dollar, das Team gewann mit 505.000 US-Dollar die Gesamtwertung. Alle vorgeführten Lücken gehen nach dem Wettbewerb im Verfahren der Coordinated Vulnerability Disclosure an die Hersteller.
Bei KI-Modellen ist die Exploit-Kette zur Messgröße geworden. OpenAIs Preparedness Framework beschreibt die Stufe Kritisch im Bereich Cyber mit zwei Bedingungen. Das Modell findet und entwickelt ohne menschliches Eingreifen funktionierende Zero-Day-Exploits in vielen gehärteten realen Systemen. Oder es entwirft aus einem grob formulierten Ziel vollständige neue Angriffsstrategien und führt sie aus. Das Wort Exploit-Kette kommt in dem Regelwerk vom April 2025 nicht vor, es spricht von Angriffen „end-to-end“. Am 1. September 2026 stufte OpenAI das Modell Astra als erstes Modell in die Risikostufe Kritisch ein. In der Begründung schreibt OpenAI, das Modell habe in einer internen Prüfung mit 20 frisch offengelegten Lücken der Browser-Engine V8 zwei bislang unbekannte Schwachstellen entdeckt und „als Teil einer Exploit-Kette“ verwendet. Gegen einen gehärteten Browser baute Astra eine vollständige Kette, die aus der Sandbox ausbrach und Befehle auf dem Wirtssystem ausführte, sobald der Browser eine präparierte HTML-Datei öffnete. Gegen ein gehärtetes Betriebssystem verband es mehrere Lücken zu einer Rechteausweitung vom einfachen Nutzerkonto bis Root. Das Spezialmodell GPT-5.6-Cyber für geprüfte Verteidiger hatte OpenAI im August 2026 laut Ankündigung des Programms Daybreak ausdrücklich darauf trainiert, Zero-Days zu finden und Exploit-Ketten zu entwickeln.
Anthropic prüft Ketten in mehrstufigen Testumgebungen. In der Systemkarte zu Claude Opus 5 vom Juli 2026 beschreibt das britische AI Security Institute seine Cyber Ranges als Netzwerkangriffe, die „eine Reihe verketteter Exploits über verschiedene Rechner und Netzsegmente“ erfordern. Opus 5 löste die Umgebung „The Last Ones“, den simulierten Angriff auf ein Unternehmensnetz, in acht von zehn Versuchen vollständig. Ein zweiter Test der Firma Irregular, CyScenarioBench, misst die Abfolge von Angriffstechniken über voneinander abhängige Stufen statt einzelner Fertigkeiten. Beim Projekt Glasswing verkettete das unveröffentlichte Modell Mythos Preview nach Anthropics Darstellung mehrere Schwachstellen im Linux-Kernel zu einer Rechteausweitung, ohne menschliche Steuerung.
Auch Angreifer setzen Modelle auf Ketten an. Anthropic beschrieb am 13. November 2025 eine Spionagekampagne einer chinesischen staatsnahen Gruppe gegen rund 30 Ziele. Die Angreifer gaben sich gegenüber Claude Code als Sicherheitsfirma aus und ließen es Schwachstellen finden, eigenen Exploit-Code schreiben und nach dem Einbruch Zugangsdaten sammeln. Im ausführlichen Bericht steht die Exploit-Kette als eigener Arbeitsschritt im Ablaufschema. 80 bis 90 Prozent der Kampagne liefen laut Anthropic ohne Menschen. Googles Threat Intelligence Group meldete im Mai 2026 den ersten Fall, in dem ein krimineller Akteur einen mit KI entwickelten Zero-Day-Exploit einsetzen wollte. Ziel war ein verbreitetes Web-Tool zur Systemverwaltung. Der Exploit umging mit gültigen Zugangsdaten die Zwei-Faktor-Anmeldung. Als Indiz für die KI-Herkunft nennt Google unter anderem einen halluzinierten CVSS-Wert in den Kommentaren des Codes. Auf der Verteidigerseite mussten die Systeme im Finale der AI Cyber Challenge der DARPA im August 2025 Lücken in mehr als 54 Millionen Zeilen Code finden und schließen. Sie entdeckten 18 bis dahin unbekannte Schwachstellen in realer Software.
Exploit-Ketten treffen einen Handwerksbetrieb auf der eigenen Website, am Router mit Fernzugang und an den Bürorechnern, über die Erpressungssoftware ins Netz kommt.
Das nächstliegende Beispiel ist WordPress, auf dem die meisten Firmenwebsites laufen. Im Juli 2026 meldete das Projekt zwei Lücken im Kern der Software, die jede für sich harmlos wirkten. Ein Logikfehler in der Stapelverarbeitung der REST-Schnittstelle (CVE-2026-63030) hebelte eine Prüfung aus, eine SQL-Injektion in einem Filterparameter (CVE-2026-60137) blieb ohne diese Prüfung ohne Anmeldung erreichbar. Zusammen legte ein Angreifer damit ein Administratorkonto an, meldete sich ein, lud ein präpariertes Plugin hoch und führte beliebigen Code aus. Die Kette funktionierte schon auf einer Standardinstallation ohne ein einziges Plugin. Die Analyse von Rapid7 zur Kette, die unter dem Namen wp2shell läuft, hält die Zeitlinie fest. Am 17. Juli erschien das Advisory, am 21. Juli nahm die CISA beide Lücken als aktiv ausgenutzt in ihren Katalog auf, am 22. Juli kursierten fertige Angriffsskripte. Der CVSS-Wert lag trotz Übernahme ohne Passwort bei 7,5. WordPress erzwang das Update nur auf Installationen, bei denen automatische Aktualisierungen eingeschaltet waren. Alle anderen standen ab dem 22. Juli offen im Netz.
Der Sicherheitsanbieter Patchstack zählte für 2025 11.334 neue Schwachstellen, 91 Prozent davon in Plugins. Bei 46 Prozent lag zur Veröffentlichung kein Update vor, und bei den am stärksten angegriffenen Lücken vergingen im Median fünf Stunden bis zum ersten Angriffsversuch. Für die Firmenwebsite heißt das, automatische Updates für den WordPress-Kern und alle Plugins einzuschalten oder mit der Agentur ein festes Zeitfenster für Sicherheitsupdates zu vereinbaren. Ungenutzte Plugins gehören gelöscht. Auch ein deaktiviertes Plugin bleibt als Code auf dem Server liegen und damit ein mögliches Kettenglied.
Auch am Router kann eine Kette mit einem Klick im Büro beginnen. 2023 analysierte heise eine Lücke in Fritz!Box-Routern mit FRITZ!OS vor Version 7.57. Eine präparierte Webseite konnte über den Browser eines Mitarbeiters die Konfiguration des Routers überschreiben, auch wenn der Fernzugriff abgeschaltet war. Ein starkes Passwort half nicht, nur das Firmware-Update. Wer die automatische Update-Funktion des Routers einschaltet, schließt solche Glieder, sobald der Hersteller ein Update liefert. Dasselbe gilt für VPN-Geräte und Firewalls, die von außen erreichbar sind. Der Data Breach Investigations Report 2026 nennt für Unternehmen unter 1.000 Beschäftigten ungepatchte Lücken in solchen Randgeräten bei 29 Prozent der Fälle als Ursache. Die Ausnutzung von Schwachstellen war dort mit 26 Prozent der häufigste Erstzugang, und 96 Prozent der Ransomware-Opfer mit bekannter Größe waren kleine und mittlere Unternehmen.
Nach dem Lagebericht 2025 des BSI richteten sich rund 80 Prozent der angezeigten Angriffe gegen kleine und mittlere Unternehmen. Von 950 angezeigten Ransomware-Angriffen gingen 72 Prozent mit einem Datenleak einher, die gemessene Ausnutzung von Schwachstellen stieg um 38 Prozent, und täglich wurden 119 neue Schwachstellen bekannt. Das Amt schreibt, bekannte Lücken in Perimetersystemen würden „viel zu oft“ zu spät oder gar nicht gepatcht. Der Ransomware-Report 2025 von Sophos führt ausgenutzte Schwachstellen mit 32 Prozent im dritten Jahr in Folge als häufigste Ursache. Der Verhandlungsdienstleister Coveware sah im zweiten Quartal 2026 dagegen Phishing und Social Engineering wieder vorn. Auf beide Einstiege folgen dieselben Schritte, also Rechteausweitung, Ausbreitung im Netz und Verschlüsselung.
Kettenglieder, die ein Unternehmen ohne IT-Abteilung selbst durchtrennen kann:
Die Spionageketten gegen Smartphones sind für Handwerksbetriebe kein Alltagsrisiko. Apple beschreibt den Blockierungsmodus auf seiner Hilfeseite als Schutz für die wenigen Personen, die wegen ihrer Identität oder Tätigkeit persönlich ins Visier ausgefeilter Angriffe geraten können. Für Firmenhandys zählt, Systemupdates zeitnah zu installieren. Sie enthalten die Korrekturen für die einzelnen Kettenglieder.
Astras Browser-Kette startete mit dem Öffnen einer HTML-Datei. Ein KI-Agent, der im Büro Webseiten aufruft und Anhänge liest, benötigt deshalb dieselbe Abschottung wie ein Mitarbeiter am Browser, also eine Sandbox und ein Konto mit wenigen Rechten. Beim Pwn2Own Berlin 2026 gehörten OpenAIs Codex und Anthropics Claude Code selbst zu den erfolgreich angegriffenen Zielen.