Glossareintrag

Was bedeutet
Dual Use bei KI/AI (doppelte Verwendbarkeit)?

Wir denken. KI tippt mit.

Lesezeit: 6 Minuten
Veröffentlicht: 26.09.2026
Aktualisiert: 10.10.2026

Dual Use bei KI/AI (doppelte Verwendbarkeit)

Definition:

Dual Use bei KI (deutsch: doppelte Verwendbarkeit) bedeutet, dass dieselbe KI-Fähigkeit nützt und schadet. Ein KI-Modell, das Schwachstellen im eigenen Code findet, findet sie auch in fremden Systemen. Eine Stimm-KI gibt Menschen ihre verlorene Stimme zurück und liefert Betrügern den Schockanruf mit der Stimme eines Angehörigen.

Der Begriff Dual Use kommt aus der Exportkontrolle. Die amtliche Bezeichnung in der EU-Dual-Use-Verordnung 2021/821 lautet „Güter mit doppeltem Verwendungszweck“. Gemeint sind Güter samt Software und Technologie, „die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke verwendet werden können“. Die KI-Diskussion fasst den Begriff weiter. Der Bericht „The Malicious Use of Artificial Intelligence“ von 2018 bezieht ihn auf KI-Systeme und das Wissen über ihren Bau, die sich beide für nützliche wie für schädliche Zwecke einsetzen lassen.

Gängige Varianten sind Dual-Use, Dual-Use-Technologie und Dual-Use-Dilemma, im Englischen dual-use AI.

Beschreibung:

KI dient keinem festen Zweck. Das unterscheidet sie von anderen Dual-Use-Technologien. Eine Zentrifuge oder eine Wärmebildkamera lässt sich listen und an der Grenze kontrollieren. Ein Sprachmodell beantwortet Fragen aus Medizin, Chemie und IT-Sicherheit mit demselben Wissen, egal wer fragt. Die Absicht steht nicht in der Anfrage. OpenAI nennt als Beispiel den Auftrag „Finde Schwachstellen in meinem Code“. Dahinter kann verantwortungsvolles Patchen stecken oder ein geplanter Angriff (OpenAI-Ankündigung zu Trusted Access for Cyber).

2022 polten die Entwickler um Fabio Urbina ihren Medikamenten-Generator MegaSyn testweise um. Das Werkzeug blieb dasselbe, sie drehten nur die Bewertungsrichtung. Das KI-Modell sollte giftige Moleküle bevorzugen, statt sie auszusortieren. In weniger als sechs Stunden schlug es 40.000 Moleküle vor, die den gesetzten Zielwert erreichten. Für neue Moleküle darunter sagte es eine höhere Giftigkeit voraus als für öffentlich bekannte chemische Kampfstoffe (Studie zu Dual Use in der KI-Wirkstoffsuche).

Die KI-Anbieter messen das Risiko über den Uplift. Uplift ist der Vorsprung, den ein KI-Modell einem Nutzer gegenüber frei verfügbaren Mitteln wie Suchmaschine und Fachbuch verschafft. Die Prüfungen zielen primär auf Angreifer. Die Regelwerke der Anbieter bauen auf dieser Messgröße auf, auch wo das Wort selbst fehlt.

  • Anthropic aktivierte am 22.05.2025 mit Claude Opus 4 die Schutzstufe ASL-3 der Responsible Scaling Policy. Der Schritt war vorsorglich, weil sich ein ASL-3-Risiko laut Anthropic nicht mehr sicher ausschließen ließ (Anthropic-Meldung zur ASL-3-Aktivierung).
  • OpenAI stuft im Preparedness Framework ein KI-Modell als „High“ ein, wenn es Laien mit Grundkenntnissen nennenswert beim Erzeugen biologischer oder chemischer Bedrohungen helfen könnte. Ein „High“-Modell erscheint erst, wenn die Risiken ausreichend gemindert sind.
  • Google DeepMind führt im Frontier Safety Framework eigene Schwellen für „CBRN uplift“ (chemische, biologische, radiologische und nukleare Waffen) und „Cyber uplift“. Die CBRN-Schwelle der Version 2.0 nennt wörtlich „dual-use scientific protocols“ (Frontier Safety Framework 2.0 von Google DeepMind als PDF).

Seit 2026 gibt es gestuften Zugang zu heiklen Cyber-Funktionen. OpenAI startete am 05.02.2026 Trusted Access for Cyber, ein Programm mit Identitätsprüfung für Sicherheitsfachleute. Anthropic bietet die Cyber-Fähigkeiten von Claude Mythos 5 in zwei Stufen an. Die öffentliche Fassung läuft mit Schutzmaßnahmen. Reduzierte Sperren erhalten nur geprüfte Verteidiger über das Cyber Verification Program (Anthropic-Ankündigung zu Mythos 5 für Verteidiger). Auch in der Biologie lässt sich die Absicht eines Nutzers in hochtechnischen Dual-Use-Feldern laut Anthropic nicht zuverlässig erkennen. Das Unternehmen hält deshalb Programme für geprüfte Nutzer für den einzigen sicheren Weg, Spitzenfähigkeiten in der Biologie anzubieten. Erfahrene Angreifer nutzen die doppelte Verwendbarkeit laut dem Anthropic-Bericht zum KI-Missbrauch vom September 2026 als PDF gezielt, um ihre Forschung plausibel abstreiten zu können.

Schutzfilter (Guardrails) treffen auch ehrliche Nutzer. Sie lehnen harmlose Fachfragen ab, wenn diese gefährlich klingen. Fachleute nennen das Over-Refusal (übermäßiges Ablehnen). OpenAI gesteht ein, dass solche Einschränkungen gutgläubige Arbeit in der Vergangenheit oft ausgebremst haben. Das Unternehmen stellt das Standardverhalten für die Allgemeinheit absichtlich vorsichtig ein. Die KI-Modelle liefern Überblickswissen und halten Details zurück, die Laien einen Missbrauch ermöglichen würden (OpenAI zu künftigen Biologie-Fähigkeiten).

Bei Open Weights (frei herunterladbaren Modellgewichten) funktioniert kein gestufter Zugang. Veröffentlichte Gewichte lassen sich nicht zurückrufen. Per Feintuning können Dritte die Schutzmechanismen entfernen. Die US-Behörde NTIA hat im Juli 2024 trotzdem empfohlen, die Verfügbarkeit offener Gewichte vorerst nicht einzuschränken. Die NTIA bewertet nur das Zusatzrisiko („marginal risk“) gegenüber geschlossenen Modellen und vorhandener Technik (NTIA-Bericht zu Dual-Use Foundation Models).

Das Exportrecht erfasst KI nur indirekt. Anhang I der EU-Verordnung enthält bislang keine Listennummer für KI-Modellgewichte, wohl aber die Hardware. Seit dem 15.11.2025 stehen „Advanced Computing“-Schaltungen und Quantencomputer auf der Liste (BAFA-Überblick zu den Änderungen der Dual-Use-Güterliste). Die USA schufen im Januar 2025 mit ECCN 4E091 eine Kontrollnummer für Modellgewichte ab 10 hoch 26 Trainingsoperationen (US-Exportregeln, Abschnitt 742.6 zu ECCN 4E091). Das US-Handelsministerium hat im Mai 2025 die Rücknahme der zugehörigen AI Diffusion Rule angekündigt. ECCN 4E091 steht trotzdem weiter im Regelwerk.

Die US‑Exekutivverordnung 14110 definierte 2023 das „dual-use foundation model“. Gemeint war ein breit trainiertes KI-Modell mit mindestens einigen Dutzend Milliarden Parametern, das ernste Sicherheitsrisiken birgt, z. B. weil es Laien den Weg zu CBRN-Waffen erleichtert. Präsident Donald Trump hob die Verordnung am 20.01.2025 auf.

Der EU AI Act klammert rein militärische KI aus (Art. 2 Abs. 3). Ein System für militärische und zivile Zwecke fällt laut Erwägungsgrund 24 dagegen unter die Verordnung. Für Allzweckmodelle oberhalb der Compute-Schwelle von 10 hoch 25 Rechenoperationen gibt es seit Juli 2025 einen Praxisleitfaden der EU. Der Leitfaden führt CBRN-Risiken und Cyber-Angriffe als systemische Risiken auf, die Unterzeichner bewerten und mindern (GPAI Code of Practice der EU-Kommission).

Dual Use bei KI/AI (doppelte Verwendbarkeit) für Unternehmen und Handwerker:

Im Betrieb begegnet Ihnen Dual Use zuerst als abgelehnte Anfrage. Ein Schädlingsbekämpfer fragt ChatGPT nach Wirkstoffkonzentrationen. Ein Schlüsseldienst bittet Gemini um Öffnungstechniken, ein IT-Dienstleister lässt Claude das Kundennetz auf Lücken prüfen. Solche Anfragen sind beruflich normal und können für einen Schutzfilter trotzdem nach Missbrauch klingen.

Nennen Sie in solchen Fällen Beruf, Zweck und Rahmen der Aufgabe (z. B. „Penetrationstest mit schriftlichem Auftrag des Kunden“). Das KI-Modell bewertet die Anfrage samt Kontext. Bei fest gesperrten Themen bleibt es bei der Ablehnung. Anthropic verbietet ausdrücklich Sicherheitstests ohne Erlaubnis des Systeminhabers (Nutzungsrichtlinie von Anthropic). Wichtig: Verbindliche Angaben zu Gefahrstoffen stehen im Sicherheitsdatenblatt des Herstellers, nicht im Chatfenster.

Auch eigene KI-Projekte stoßen an die Nutzungsrichtlinien. OpenAI untersagt Gesichtserkennungsdatenbanken ohne Einverständnis der Betroffenen und die Nutzung von Bild oder Stimme einer Person ohne deren Zustimmung (Nutzungsrichtlinien von OpenAI). Die Baustellenkamera mit Gesichtsabgleich und die geklonte Stimme des Seniorchefs für die Telefonansage benötigen vorher die Zustimmung der Betroffenen.

Das klassische Dual-Use-Recht trifft Unternehmen, die Technik ins Nicht-EU-Ausland bringen. Die Wärmebild-Drohne des Dachdeckers, Sensorik oder Verschlüsselungs-Software können als Dual-Use-Güter gelistet sein. Die Genehmigungspflicht hängt laut BAFA nicht vom Anlass ab. Sie gilt auch, wenn Sie ein Gerät nur zu eigenen Zwecken mitnehmen und später zurückbringen (BAFA-Leitfaden zur Exportkontrolle). Nicht gelistete Güter können über die Auffangregeln (Catch-all) genehmigungspflichtig werden. Das BAFA schafft auf Antrag Klarheit, mit der Auskunft zur Güterliste für ein Produkt oder dem Nullbescheid für ein konkretes Geschäft.

Betrüger nutzen dieselben KI-Funktionen gegen Ihr Unternehmen. Anthropic führt im Missbrauchsbericht vom September 2026 Betrug und Cyber-Operationen unter sieben Schadensfeldern auf (Threat-Intelligence-Bericht von Anthropic). KI schreibt Phishing-Mails in fehlerfreiem Deutsch und klont Stimmen für den Anruf im Büro. Eine feste Rückruf-Regel unter der bekannten Nummer schützt bei Zahlungsanweisungen und geänderten Bankverbindungen vor beiden Maschen.

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