Glossareintrag

Was bedeutet
Börsengang (IPO, Initial Public Offering, Roadshow, Lock-up)?

Wir denken. KI tippt mit.

Lesezeit: 9 Minuten
Veröffentlicht: 14.09.2026
Aktualisiert: 10.10.2026

Börsengang (IPO, Initial Public Offering, Roadshow, Lock-up)

Definition:

Börsengang (englisch Initial Public Offering, kurz IPO) ist der Vorgang, bei dem ein Unternehmen seine Aktien erstmals öffentlich zum Kauf anbietet und an einer Börse handeln lässt. Aus einer Firma in privater Hand wird eine börsennotierte Gesellschaft. Wer danach eine Aktie kaufen will, benötigt keinen Vertrag mit den Eigentümern mehr, sondern nur ein Wertpapierdepot.

Das öffentliche Angebot ist der Verkauf der Aktien an Anleger vor dem ersten Handelstag, zum festgelegten Emissionspreis. Das Listing (Erstnotiz) ist die Zulassung zum Börsenhandel. Beim klassischen IPO folgen beide direkt aufeinander. Beim Direct Listing entfällt das Angebot. Die Börse lässt nur die bestehenden Aktien zum Handel zu (Spotify 2018, Coinbase 2021).

Das eingenommene Geld fließt nicht automatisch an das Unternehmen. Kommen die Aktien aus einer Kapitalerhöhung, entstehen neue Anteile und der Erlös landet in der Firmenkasse. Bei einer Umplatzierung geben bisherige Eigentümer wie Gründer, Wagniskapitalgeber oder ein Mutterkonzern ihre Altaktien ab, und das Geld geht an sie. Viele Börsengänge mischen beides.

Der Prospekt (Wertpapierprospekt, in den USA Form S-1) ist das Pflichtdokument mit Geschäftszahlen, Risiken und Eigentümerstruktur. Die Roadshow ist die Vermarktungstour, auf der das Management Großinvestoren trifft und die Preisspanne bekannt gibt. Der Lock-up (Sperrfrist) verbietet Altaktionären und Management, für einen festen Zeitraum nach dem Börsengang weitere Aktien zu verkaufen. In den USA sind 180 Tage üblich.

Beschreibung:

Der Weg an die Börse beginnt Monate vor dem ersten Handelstag. Das Unternehmen wechselt in eine börsenfähige Rechtsform (in Deutschland AG, SE oder KGaA), stellt seine Bilanzierung um und wählt ein Bankenkonsortium. Die Bank an der Spitze heißt Konsortialführer oder Global Coordinator. Die Häuser, die das Orderbuch verwalten, heißen Bookrunner. Anschließend durchleuchten Anwälte und Wirtschaftsprüfer die Firma (Due Diligence), und aus den Ergebnissen entsteht der Prospekt.

In der EU regelt die Prospektverordnung 2017/1129, was hineingehört. Die BaFin billigt den Prospekt und prüft ihn laut ihrer Beschreibung der Prospektpflicht nur auf Vollständigkeit, Kohärenz und Verständlichkeit. Die inhaltliche Richtigkeit prüft sie nicht, dafür haftet der Emittent. Für ihre Antwort auf einen eingereichten Entwurf hat die Behörde nach Artikel 20 der Verordnung zehn Arbeitstage. Bietet ein Unternehmen zum ersten Mal Wertpapiere an, sind es zwanzig. In den USA übernimmt die SEC diese Rolle. Dort dürfen Unternehmen die Registrierung auf Form S-1 zunächst vertraulich einreichen. Die SEC verlangt laut ihrer Verfahrensregel für vertrauliche Entwürfe, dass die Unterlagen spätestens 15 Tage vor der Roadshow öffentlich sind. Anthropic hat den vertraulichen Entwurf laut eigener Mitteilung am 1. Juni 2026 eingereicht. OpenAI zog eine Woche später nach.

Dann beginnt die Vermarktung. Mit der Intention to Float kündigt das Unternehmen den Börsengang offiziell an. Analysten der Konsortialbanken veröffentlichen ihre Studien, und in der Roadshow stellt das Management die Firma in Einzelgesprächen mit Fonds und Vermögensverwaltern vor. Zum Auftakt nennt der Emittent eine Preisspanne. Im Bookbuilding tragen die Banken ein, welcher Investor wie viele Aktien zu welchem Preis nimmt. Privatanleger zeichnen parallel über ihre Bank. Die Zeichnungsfrist dauert laut Börsenlexikon der Deutschen Börse in der Regel ein bis zwei Wochen. Am Ende stehen der Emissionspreis, die Zuteilung an die Zeichner und die Erstnotiz.

Übersteigt die Nachfrage das Angebot, ist der Börsengang überzeichnet. Für diesen Fall halten die Banken eine Mehrzuteilungsoption bereit, englisch Greenshoe. Sie verkaufen mehr Aktien, als das Angebot umfasst, und leihen sich die zusätzlichen Stücke von Altaktionären. Fällt der Kurs nach dem Start, kaufen sie diese Aktien an der Börse zurück und bremsen so den Rückgang. Steigt er, üben sie die Option aus und erhalten die Aktien zum Emissionspreis. Die EU-Verordnung 2016/1052 begrenzt die Option auf 15 Prozent des ursprünglichen Angebots und die Kursstabilisierung auf 30 Kalendertage ab Handelsbeginn. Oberhalb des Emissionspreises dürfen die Banken den Kurs nie stützen. Ein stabiler IPO-Kurs in den ersten vier Wochen kann also das Werk der Banken sein.

Der Lock-up bindet die Altaktionäre deutlich länger. Ein Gesetz schreibt ihn nicht vor. Grundlage ist ein Vertrag zwischen Altaktionären und Konsortialbanken, dessen Bedingungen im Prospekt stehen. Die Finanzwissenschaftler Laura Field und Gordon Hanka haben 1.948 solcher Vereinbarungen ausgewertet. Laut ihrer Studie im Journal of Finance steigt das durchschnittliche Handelsvolumen zum Fristende dauerhaft um 40 Prozent. Der Kurs gibt binnen drei Tagen marktbereinigt 1,5 Prozent nach. Bei Firmen mit Wagniskapitalgebern ist beides deutlich stärker. Beim KI-Cloud-Anbieter CoreWeave lief die Sperrfrist am 14. August 2025 ab. Am Vortag verlor die Aktie laut CNBC 20 Prozent. Auslöser war ein höherer Quartalsverlust als erwartet. Insider verkauften danach laut Bloomberg allein im dritten Quartal Aktien für mehr als eine Milliarde Dollar.

Die Deutsche Börse beziffert die direkten Kosten eines Börsengangs in ihrem IPO-Leitfaden je nach Emissionsvolumen auf 3 bis 15 Prozent des Bruttoerlöses. Der größte Posten ist die Bankprovision. Sie liegt in Europa deutlich niedriger als in den USA. Dort zahlten Ende der 1990er Jahre über 90 Prozent der Börsengänge mit 20 bis 80 Millionen Dollar Volumen exakt 7 Prozent. Hsuan-Chi Chen und Jay Ritter haben dieses Muster im Jahr 2000 als „Seven Percent Solution“ beschrieben. Eine Oxford-Studie zu IPO-Gebühren in den USA und Europa hat das Muster für 1998 bis 2007 sogar bei 95 Prozent der US-Börsengänge zwischen 25 und 100 Millionen Dollar nachgewiesen. Europäische Börsengänge derselben Größe zahlten im Schnitt gut 4 Prozent, obwohl dieselben Banken sie begleiteten. Bei Milliarden-Emissionen sinkt der Satz deutlich. Facebook zahlte 2012 laut Facebook-Prospekt 0,418 Dollar je Aktie bei 38 Dollar Emissionspreis, das sind 1,1 Prozent.

Zu den Gebühren kommt das Underpricing. Der erste Börsenkurs liegt im Schnitt über dem Emissionspreis. Das Unternehmen hätte also mehr erlösen können. Nach den Daten von Jay Ritter (University of Florida) betrug der durchschnittliche Erstkursgewinn deutscher Börsengänge von 1980 bis 2025 rund 21 Prozent. In den USA lag er laut Ritters Underpricing-Tabellen im selben Zeitraum bei 19 Prozent, im Jahr 2025 bei 29 Prozent. Von gut 9.000 US-Börsengängen operativer Unternehmen zwischen 1975 und 2021 lag laut Ritters Langfrist-Daten mehr als ein Drittel drei Jahre nach dem ersten Schlusskurs über 50 Prozent im Minus.

Gründe laut IPO-Leitfaden der Deutschen Börse:

  • Finanzierung. Eigenkapital für Wachstum ohne neue Schulden, dazu neue Aktien als Zahlungsmittel für Übernahmen.
  • Diversifikation. Bisherige Eigentümer verkaufen einen Teil ihres Vermögens. Private-Equity-Fonds steigen über den Börsengang aus, üblicherweise nach drei bis fünf Jahren.
  • Personal. Aktien und Optionen für Management und Mitarbeiter, handelbar erst mit dem Listing.
  • Strategie. Bekanntheit, Prestige und eine stärkere Marktposition.

Dem stehen Berichtspflichten, Kursdruck und Kontrollverlust gegenüber. Wer im Prime Standard der Frankfurter Börse notiert, muss Quartalsmitteilungen, Halbjahres- und Jahresberichte liefern und jede kursrelevante Nachricht sofort per Ad-hoc-Mitteilung veröffentlichen, auf Deutsch und Englisch.

SpaceX sammelte im Juni 2026 laut NPR 75 Milliarden Dollar ein und löste Saudi Aramco (29,4 Milliarden Dollar im Jahr 2019) als größten Börsengang aller Zeiten ab. Der Chip-Hersteller Cerebras platzierte im Mai 2026 an der Nasdaq laut eigener Mitteilung 30 Millionen Aktien zu 185 Dollar. Das sind vor Mehrzuteilung 5,55 Milliarden Dollar. Weltweit flossen im ersten Halbjahr 2026 laut EY-IPO-Barometer 186,8 Milliarden Dollar in Börsengänge, dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Transaktionen sank um 12 Prozent. In Deutschland zählte EY im selben Zeitraum sechs Emissionen mit 744 Millionen Euro, darunter vier klassische Börsengänge.

Anthropic, Entwickler von Claude, will laut einer Reuters-Meldung vom 4. September 2026 den Prospekt Ende September veröffentlichen. Die Roadshow soll frühestens Mitte Oktober beginnen, das Listing wenige Tage vor den US-Zwischenwahlen im November stehen. Als Konsortialführer nennt Reuters Morgan Stanley, Goldman Sachs, JPMorgan und Citi. Dieselben vier Banken stehen an der Spitze der Anthropic-Kreditlinie über 15 Milliarden Dollar. Seit den Zahlen zum Anthropic-Umsatz im zweiten Quartal 2026 sprechen einige Investoren von einer Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar. Einen Zeitplan hatte OpenAI laut CNBC bei der Einreichung im Juni offengelassen. Am 12. September 2026 hat Sam Altman gegenüber Fortune ein Listing für 2026 ausgeschlossen, ein neues Jahr nannte er nicht.

Börsengang (IPO, Initial Public Offering, Roadshow, Lock-up) für Unternehmen und Handwerker:

Für einen Handwerksbetrieb ist der eigene Börsengang keine realistische Option. Selbst das Einsteigersegment Scale der Frankfurter Börse verlangt laut Factsheet der Deutschen Börse eine voraussichtliche Marktkapitalisierung von 30 Millionen Euro und mindestens 20 Prozent Streubesitz oder eine Million Aktien im Publikum. Außerdem muss das Unternehmen drei von fünf Kennzahlen erfüllen, darunter 10 Millionen Euro Umsatz, 20 Mitarbeiter oder 5 Millionen Euro eingesammeltes Eigenkapital. Die Einbeziehung kostet bis zu 89.000 Euro. Danach muss das Unternehmen den Jahresabschluss binnen sechs Monaten vorlegen, einen Halbjahresbericht liefern und einmal im Jahr eine Investorenkonferenz abhalten. Handwerksbetriebe finanzieren Wachstum oder Nachfolge über Bankkredit, stille Beteiligung oder eine Beteiligungsgesellschaft.

Kunden eines KI-Anbieters spüren einen Börsengang dagegen direkt. Der Prospekt legt offen, was vorher Betriebsgeheimnis war. Der CoreWeave-Prospekt vom März 2025 zeigte, dass Microsoft für 62 Prozent des Umsatzes stand und zwei Kunden zusammen für 77 Prozent. Wer CoreWeave-Rechenleistung mietete, konnte erstmals nachlesen, von wem sein Anbieter selbst abhing. Sobald der Anthropic-Prospekt öffentlich ist, gilt dasselbe für Claude. Umsatzentwicklung, Verluste, Rechtsstreitigkeiten und Risiken wie die Abhängigkeit von Chip-Lieferanten stehen dann schwarz auf weiß. Nach dem Listing wiederholt sich das jedes Quartal.

Mit den Berichtspflichten kommt der Quartalsdruck. Ein börsennotierter Anbieter muss alle drei Monate Wachstum zeigen. Eine Studie im Fachjournal Financial Review hat nachgewiesen, dass Großkunden nach dem Börsengang ihres Lieferanten an Unternehmenswert verlieren. Die Lieferanten verbreitern nach dem Listing ihre Kundenbasis und räumen kürzere Zahlungsziele ein. Wichtig: Wer einen Laufzeitvertrag oder eine Preisgarantie benötigt, verhandelt sie vor dem angekündigten Börsengang, nicht erst danach.

Zum Zeichnen von Aktien benötigt ein Privatanleger ein Depot bei einer Bank, die den Börsengang begleitet oder eine Zeichnungsfunktion anbietet. Trade Republic öffnet seit dem 6. Juni 2026 ausgewählte Börsengänge laut eigener Pressemitteilung für Privatanleger. Die App teilt proportional zum Zeichnungsvolumen zu und berechnet einen Euro pro Order. Die ING nimmt laut ihrer Seite zu Neuemissionen Zeichnungsaufträge an und verteilt die Aktien, die sie selbst zugeteilt bekommt, unter ihren Kunden. Eine Zeichnung ist keine Kaufgarantie. Beim Börsengang der Porsche AG 2022 erhielten Privatanleger laut Porsche-Newsroom nur 7,7 Prozent des Platzierungsvolumens. Porsche bediente Orders bis 30 Aktien voll, den Teil darüber zu rund 23 Prozent.

Rund um angekündigte Börsengänge bekannter Firmen melden sich Anrufer und Messenger-Kontakte, die angeblich vorbörsliche Aktien verkaufen. Die BaFin warnt vor solchen Angeboten. Die Aktien existieren meist nicht. Wer Aktien anderer Firmen verkauft, benötigt eine Erlaubnis der BaFin, und die lässt sich in ihrer Unternehmensdatenbank prüfen.

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