Agentic Investing:
Claude und ChatGPT handeln fürs Depot

Wir denken. KI tippt mit.

Lesezeit: 10 Minuten
Veröffentlicht: 10.09.2026
Aktualisiert: 30.09.2026
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Markus Schulte

AI Solution Development, Autor

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Agentic Investing heißt das neue Angebot, mit dem die Münchner Bank Scalable Capital ihre Handelsplattform für KI-Assistenten öffnet. Seit dem 25. August 2026 können Kunden ihr Depot von ChatGPT, Claude oder Grok analysieren lassen und Wertpapierkäufe direkt aus dem KI-Chat heraus vorbereiten. Nach eigenen Angaben ist Scalable Capital die erste Bank Europas, die diesen Schritt geht. Die US-Vermögensverwaltung Elm Wealth hat kurz zuvor untersucht, wie gut die KI-Modelle tatsächlich handeln. Claude schlug menschliche Anleger in 76 Prozent der Testrunden, beging aber einen Fehler, der im Ernstfall das gesamte Kapital kosten kann.

Kopf der Produktseite von Scalable Capital zu Agentic Investing mit der Unterzeile MCP und CLI für KI-Assistenten
Die Produktseite von Scalable Capital zu Agentic Investing. KI-Assistenten wie ChatGPT und Claude analysieren Märkte und führen Trades aus. (Quelle: https://de.scalable.capital/en/agentic-investing)

Erste Bank Europas: Das kann Agentic Investing

Die KI-Assistenten erhalten Zugriff auf fast alle Funktionen des Brokers. Laut der Ankündigung von Scalable Capital gehören dazu der Handel mit Aktien, ETFs und Derivaten, Sparpläne, Watchlists, Preisalarme, die Wertpapiersuche, Nachrichten sowie Echtzeit- und historische Kursdaten. Auch die hauseigene Portfolioanalyse „Scalable Insights“ ist angebunden. Sie liefert der KI Daten zu Diversifikation, Sektor- und Regionen-Aufteilung und Risiko des Depots.

Technisch läuft die Anbindung über einen eigenen Server für das Model Context Protocol (MCP), den offenen Standard für die Verbindung von KI-Assistenten mit externen Diensten. Außerdem gibt es ein Kommandozeilen-Tool (CLI), mit dem sich auch lokal betriebene Modelle anschließen lassen. Kunden schalten den Zugriff im Webinterface unter Profil und Sicherheit frei. Eine formelle Partnerschaft mit OpenAI oder Anthropic besteht nicht. Produktchef Alexander Siepp bezeichnete das Angebot gegenüber Fortune als eigenständige Lösung auf Basis frei verfügbarer Technik. Anthropic, OpenAI, Google und der Grok-Anbieter SpaceXAI reagierten auf eine Fortune-Anfrage zunächst nicht.

Tabelle vergleicht Scalable MCP vs CLI nach Einsatz, Hosting, Interface, Einrichtung, Bedienung und Idealnutzung.
Offizielle Vergleichstabelle von Scalable Capital: Scalable MCP vs CLI im Überblick. (Quelle: https://de.scalable.capital/en/agentic-investing)

Beispiel-Prompts für die Bedienung nennt die Berichterstattung von Yahoo Finanzen zum Scalable-Start. Nutzer schreiben z. B. „Kaufe die Aktien mit den größten Kursverlusten vom Vortag“ oder „Ändere mein Kauflimit für Siemens auf fünf Prozent unter dem aktuellen Kurs“. Den Aufwand dafür nannte Siepp gegenüber Fortune „nur ein paar Prompts“.

Scalable Capital wurde 2014 gegründet und betreut nach eigenen Angaben mehr als eine Million Kunden mit über 60 Milliarden Euro Vermögen. Seit September 2025 hält das Unternehmen eine Vollbanklizenz der Europäischen Zentralbank. Gründer und Co-Chef Erik Podzuweit nennt Agentic Investing in der Pressemitteilung den größten technologischen Sprung in der Finanztechnologie seit dem Internetbanking. Gegenüber Reuters klang er vorsichtiger. Viele Menschen zögerten noch, ChatGPT auf ihr Portfolio schauen zu lassen, das Angebot sei „ein erster Schritt“.

Jede Order braucht eine Freigabe, Auszahlungen bleiben gesperrt

Die KI darf analysieren und vorbereiten, aber nicht eigenmächtig ausführen. Jede Order und jeden Sparplan muss der Kunde nach dem Prinzip Human in the Loop einzeln bestätigen. Vorher zeigt die Plattform wie gesetzlich vorgeschrieben die Kosteninformation und die Basisinformationsblätter an. Ein- und Auszahlungen funktionieren ausschließlich über Web und App, für die KI-Assistenten sind sie komplett gesperrt. Zusätzlich kommen eine Zwei-Faktor-Authentifizierung bei der Einrichtung und in wiederkehrenden Intervallen, Push-Benachrichtigungen zu jeder Aktion und die Möglichkeit, den Zugriff jederzeit zu deaktivieren.

FunktionPer KI-Assistent möglich?
Depot und Positionen analysierenJa, inklusive Scalable Insights
Wertpapiere suchen, Kurse und News abrufenJa
Order und Sparpläne vorbereitenJa
Order ausführenNur nach ausdrücklicher Bestätigung des Kunden
Geld einzahlen oder auszahlenNein, nur über Web und App
Zugriffsrechte einzeln einschränkenNein, die Freigabe gilt für den gesamten Funktionsumfang

Das Magazin t3n bemängelt in seiner Analyse des Scalable-Starts, dass es keine abgestuften Rechte gibt. Wer den Zugriff aktiviert, gibt alles frei. Die Sicherheitsorganisation OWASP führt zu weit gefasste Rechte von KI-Agenten als Excessive Agency auf Platz drei ihrer Risikoliste. Abgestufte Rechte sind der Kern von Least Privilege. Nur Claude selbst bietet auf Anbieterseite Berechtigungsstufen von „Blockiert“ bis „Immer erlauben“, ohne dass Scalable dafür eine Garantie übernimmt. Bei der Haftung verweist die Bank auf den Kunden. KI-Ausgaben und daraus folgende Transaktionen stammen laut Pressemitteilung nicht von Scalable Capital, sind keine Anlageberatung und geschehen auf eigenes Risiko des Anlegers. Wer der KI einen missverständlichen Auftrag gibt oder eine Halluzination nicht bemerkt, trägt den Schaden selbst.

Screenshot der Agentic Investing Einrichtung von Scalable Capital mit zwei Schritten zur MCP-Aktivierung und Anleitungen für ChatGPT, Codex, Claude und Grok
Offizielle Anleitung von Scalable Capital zur Agentic Investing Einrichtung über das Model Context Protocol. (Quelle: https://de.scalable.capital/en/agentic-investing)
Der Zugang zu Informationen, zu Rechenleistung und zu Intelligenz ist jetzt verfügbar, wirklich, buchstäblich in Ihrer Hosentasche, rund um die Uhr.
Alexander Siepp, Produktchef von Scalable Capital, gegenüber Fortune (übersetzt)

Claude schlägt Menschen in 76 Prozent der Testrunden

Die 76-Prozent-Zahl stammt aus der „Crystal Ball Challenge“ der US-Vermögensverwaltung Elm Wealth, die den Handelstest im Juni 2026 veröffentlichte. Vier KI-Modelle bekamen historische Titelseiten des Wall Street Journal vom Folgetag zu sehen, die Marktdaten darin waren geschwärzt. Daraus mussten sie ableiten, wie sich der US-Aktienmarkt und 30-jährige Staatsanleihen am jeweiligen Handelstag bewegen. Jedes Modell startete mit einer virtuellen Million Dollar und handelte an 15 Handelstagen aus den Jahren 2008 bis 2022, Hebel waren erlaubt. Claude, ChatGPT, Gemini und Grok traten in rund 200 Vergleichsrunden gegen menschliche Spieler an.

So oft schlugen die KI-Modelle menschliche Spieler

Anteil der gewonnenen Vergleichsrunden in der Crystal Ball Challenge von Elm Wealth

Quelle: Elm Wealth, Crystal Ball Challenge, Stand Juni 2026; Auszählung der Siegquoten über rund 200 Runden laut Fortune-Bericht zum Scalable-Start.
Zahlen als Tabelle
ModellSiegquote gegen Menschen
Claude76 %
ChatGPT63 %
Grok51 %
Gemini43 %

Auch beim Endvermögen lag Claude vorn. Aus der virtuellen Million machte das Modell im Schnitt rund 2,59 Millionen Dollar. Damit übertraf es sogar knapp die fünf professionellen Makro-Trader der Elite-Vergleichsgruppe, die im Schnitt auf 2,3 Millionen Dollar kamen. Die 120 bezahlten Teilnehmer mit Finanzausbildung schafften dagegen im Durchschnitt nur den Kapitalerhalt. Rund jeder Sechste verlor sein gesamtes Spielkapital. Unser Vergleich Claude vs ChatGPT 2026 stellt Preise und Stärken der beiden Marktführer gegenüber.

ModellEndvermögen aus 1 Mio. $TrefferquoteØ Hebel auf Aktien
Claude2.594.258 $60,7 %10,8x
ChatGPT1.472.347 $54,3 %6,9x
Grok968.181 $48,8 %11,9x
Gemini492.357 $42,3 %11,7x
Tabelle der Elm Wealth Crystal Ball Challenge mit Kennzahlen zu Claude, Gemini, Grok und ChatGPT wie Endvermoegen, Hit Ratio und Sharpe Ratio
Ergebnistabelle der Elm Wealth Crystal Ball Challenge vom Juni 2026 im Vergleich der vier KI-Modelle. (Quelle: https://elmwealth.com/ai-trading/)

Der Haken: Alle Modelle riskierten den Totalverlust

Trotz der Siege wären alle vier Modelle im realen Markt ein Risiko eingegangen, das Elm Wealth als katastrophal für das Kapital einstuft. Die KIs wussten demnach gut, was sie kaufen sollten, aber nicht, wie viel. Sie setzten im Schnitt das Sieben- bis Zwölffache ihres Kapitals auf Aktien. Die Tagesschwankungen ihrer Depots lagen dadurch bei 20 bis 40 Prozent. Die Studienautoren halten 7,5 bis 15 Prozent für vertretbar. Seit dem Jahr 2000 hat sich der US-Aktienmarkt an 23 Tagen um mehr als 5 Prozent bewegt, an sieben Tagen um mehr als 9 Prozent. Bei zwölffachem Hebel reicht ein einziger solcher Tag in die falsche Richtung für den Totalverlust.

Was bedeutet Position Sizing?

Position Sizing ist die Entscheidung, wie viel Kapital ein Anleger auf eine einzelne Wette setzt. Profis nutzen dafür Formeln wie das Kelly-Kriterium oder den Merton-Anteil, die Einsatzhöhe aus Gewinnchance und Risiko ableiten. Alle getesteten KI-Modelle kennen diese Formeln laut Elm Wealth in der Theorie, wendeten sie im Spiel aber nicht an. Erst als das Elm-Wealth-Team den Modellen sein Fachbuch „The Missing Billionaires“ zum Einlesen gab, sanken die Einsätze. Claude hebelte danach nur noch 1,7-fach, und alle vier Modelle wurden profitabel.

Die Elm-Wealth-Autoren selbst sehen in KIs weniger autonome Trader als ein Gegengewicht zu menschlichen Verhaltensfehlern wie Panikverkäufen und Selbstüberschätzung. Für den Test spricht, dass er als kontrolliertes Experiment mit identischen Informationen für Mensch und Maschine aufgebaut war. Ein Benchmark mit echten Marktdaten ist er trotzdem nicht, denn die Modelle handelten nur an ausgewählten, nachrichtenstarken Tagen der Vergangenheit.

Robinhood, eToro und Bitpanda öffnen ihre Plattformen ebenfalls

Scalable Capital ist mit dem Schritt in Europa vorn, international aber nicht allein. Der US-Broker Robinhood bietet seit Mai 2026 ein „Agentic Trading“ an, bei dem externe KI-Modelle in einem separaten Konto handeln. Binnen Wochen zählte er dafür laut Branchenberichten mehr als 50.000 Anmeldungen. eToro meldet für seinen Assistenten „Tori“ über 500.000 ausgeführte Trades im ersten Jahr. In Österreich hat der Krypto-Broker Bitpanda fast zeitgleich mit Scalable einen eigenen MCP-Server mit elf Funktionen gestartet, dort mit abstufbaren Rechten je API-Schlüssel.

AnbieterKI-AngebotBesonderheit
Scalable CapitalAgentic Investing (MCP + CLI) für ChatGPT, Claude, GrokErste Bank Europas; jede Order braucht Kundenfreigabe
BitpandaEigener MCP-Server mit 11 FunktionenAbstufbare Rechte pro API-Schlüssel
Robinhood (USA)Agentic Trading seit Mai 2026, dazu Assistent CortexExterne KI-Modelle handeln in separatem Konto
eToroAssistent Tori plus KI-Agenten in NutzergrenzenÜber 500.000 Trades im ersten Jahr
RevolutAssistent AIR seit April 2026Ausgabenanalyse und Kartensteuerung, kein autonomes Trading

Andere Tests fallen schlechter aus, die ESMA warnt vor Herdenverhalten

Im StockBench-Benchmark mit 14 Modellen und 82 realen Handelstagen schlugen die meisten KI-Agenten das simple Kaufen-und-Halten nicht. Im Live-Experiment Alpha Arena, das sechs Modellen je 10.000 Dollar echtes Geld für Krypto-Handel gab, verloren Gemini und GPT-5 binnen zwei Wochen jeweils über 40 Prozent, auch hier primär durch überhöhte Hebel. Anthropic selbst ließ Claude im Forschungsprojekt Project Vend kleine Läden führen. Erst nachdem Anthropic dem Modell feste Prozesse wie Preis- und Lieferprüfungen und eine getrennte Rollenverteilung vorgegeben hatte, verschwanden die Verlustwochen weitgehend. Das Unternehmen vermarktet sein Finanzprodukt Claude for Financial Services als Analyse-Tool für Profis, nicht als autonomen Händler.

Die EU-Wertpapieraufsicht ESMA stellte schon im Mai 2024 in einer Stellungnahme zu KI in Wertpapierdienstleistungen klar, dass die Anlegerschutz-Pflichten der MiFID-II-Richtlinie auch beim KI-Einsatz vollständig gelten. In ihrer Risikoanalyse zur KI-Nutzung an den Wertpapiermärkten vom Februar 2026 warnt die Behörde vor einem Konzentrationsrisiko. Wenn viele Anleger dieselben wenigen Modelle nutzen, könnten gleichgerichtete Strategien Herdenverhalten und Kettenreaktionen verstärken. In Deutschland ist die BaFin als Marktüberwachungsbehörde für den EU AI Act im Finanzsektor zuständig, dessen Transparenzpflichten seit dem 2. August 2026 greifen.

Scalable Capital und Robinhood sind nur der sichtbare Teil. Rund 60 Prozent des US-Aktienhandels laufen laut Bundesbank automatisch ab, und die BaFin warnt seit März 2026 vor über 600 nahezu identischen Webseiten, die mit KI-Trading werben.

Häufige Fragen zu Agentic Investing

Was ist Agentic Investing bei Scalable Capital?

Agentic Investing ist die am 25. August 2026 gestartete Schnittstelle, über die KI-Assistenten wie ChatGPT, Claude und Grok auf Depots bei Scalable Capital zugreifen. Neben dem MCP-Server gibt es ein Kommandozeilen-Werkzeug, mit dem sich auch lokal auf dem eigenen Rechner laufende KI-Modelle anbinden lassen.

Kann die KI ohne meine Zustimmung handeln?

Nein. Jede Order und jeder Sparplan wird nur nach ausdrücklicher Bestätigung des Kunden ausgeführt, Ein- und Auszahlungen sind für KI-Assistenten komplett gesperrt. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangt Scalable bei der Einrichtung und danach in regelmäßigen Abständen erneut.

Welche KI hat im Elm-Wealth-Test am besten abgeschnitten?

Claude gewann 76 Prozent der Runden gegen menschliche Spieler und machte aus einer virtuellen Million im Schnitt rund 2,59 Millionen Dollar. Die stärkste Variante mit erhöhtem Denkaufwand kam sogar auf rund 3,34 Millionen Dollar Endvermögen bei einer Trefferquote von 67,9 Prozent.

Warum warnen Fachleute trotz der guten Testergebnisse?

Alle Modelle setzten viel zu hohe Hebel und riskierten damit den Totalverlust. In anderen Tests mit realen Marktdaten schnitten KI-Trader deutlich schwächer ab; ein Beispiel ist die erste Saison des Alpha-Arena-Experiments mit echtem Geld, in der vier von sechs Modellen Verluste machten und GPT-5 Letzter wurde.

Ist Agentic Investing eine Anlageberatung?

Nein. Scalable Capital stellt klar, dass KI-Ausgaben und daraus folgende Transaktionen nicht von der Bank stammen und auf eigenes Risiko des Anlegers geschehen. Die Antworten der KI unterliegen damit auch nicht den Prüf- und Dokumentationspflichten, die für eine echte Anlageberatung nach MiFID II gelten würden.

Wie aktiviere ich Agentic Investing und wie werde ich es wieder los?

Die Freischaltung erfolgt im Webinterface unter Profil und Sicherheit und lässt sich dort jederzeit wieder deaktivieren. Scalable weist außerdem darauf hin, dass die KI-Anbieter selbst Funktionen nach ihren eigenen Richtlinien einschränken können, etwa bei Anfragen nach persönlicher Anlageberatung.

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